Leseproben aus "Emilia und Noah - Wie zähmt man einen Bad Boy?“ - Unlektoriertes Material






Prolog

Motorengeräusche erfüllten die Straße. Der Tag hatte kühl und klar gedämmert, kündigte den kommenden Herbst an. Gestern war Noah noch in Dänemark, nun saß er hier in Hamburg.
Die Nacht hatte er im Wagen in einer Parkbucht vor der Rechtsmedizin verbracht. Seine mittlerweile steifen Finger umklammerten noch immer das Lenkrad, und sein Blick war nach vorne auf die Straße gerichtet. Noahs Augen brannten, tränten von der bleiernen Müdigkeit, die ihm in den Knochen saß. Er wollte nach Hause, doch fühlte er sich nicht in der Lage, den Volvo zu starten und nach Berlin zu fahren. Er drehte den Kopf nach rechts und sah durch den Zaun zum trostlosen Betonklotz.
Wie konnte es so weit kommen? Waren sie damals nicht gemeinsam glücklich gewesen? Hatte Maries Sucht tatsächlich dazu geführt, dass sie nun nackt unter einem weißen Tuch auf dem kalten Stahltisch lag, umgeben von grünen Kacheln und grellem Licht? Fragen über Fragen, die in seinem Kopf hämmerten.
Noah war übel. Ein Brechreiz überkam ihn. Mühsam würgte er ihn mit der Faust vor dem Mund hinunter. Noch immer hatte er den grässlichen Geruch in der Nase. Tod roch nach Tod. Selbst Desinfektionsmittel hatten nicht den Gestank im Leichenraum nach Trauer und Verwesung überlagern können.
Langsam vergingen die Stunden, die er stumm im Auto saß.
»Dieses miese Schwein!« Noah riss sich aus seiner Lethargie, startete den Motor, warf einen kurzen, prüfenden Blick auf die Fahrbahn und raste mit quietschenden Reifen los.
Vor dem Tattoostudio Maori-Style parkte er den Wagen und schwang sich vom Sitz. Mit langen Schritten stürmte er in den Laden.
»Wo ist dein Boss?«, fragte er die dicke Blonde, die mit aufgerissenen Augen hinter der Theke stand.
Wer war das dümmliche Mädel? Stellte der Mistkerl jetzt Kinder ein?
»Äh … Bei einem Ku … Kunden, letzte Tür links«, stotterte sie.
»Verdammt, ich hatte Lee gesagt, sich von Marie fernzuhalten, sie mit dem Gift nicht mehr zu versorgen«, fluchte Noah, während er über den Gang lief. Auch wenn sie seit nunmehr vier Jahren nicht mehr seine Frau gewesen war, hatte er sich für sie weiterhin verantwortlich gefühlt.
Schnaufend riss er die Tür auf. Ein gleichmäßiges Summen erfüllte den Raum. Erschrocken hob Lee den Kopf. Mit hochgezogenen Brauen sah er zu Noah, schaltete die Tattoomaschine aus und legte sie auf den Arbeitstisch. Dann zog er den Mundschutz unter das Kinn.
»Was hast du hier zu suchen?«, bellte er mit zusammengekniffenen Augen und umrundete den Tätowierstuhl. Breitbeinig, mit verschränkten Armen vor der Brust, funkelte er Noah an.
»Tu nicht so scheinheilig! Du weißt genau, warum ich hier bin!«, brüllte Noah. Lee lächelte süffisant. »Keine Ahnung, was du von mir willst. Vielleicht ein neues Tattoo?«
Noah fühlte sich von dem grinsenden, bulligen Arschloch verhöhnt, wie er mit dem dämlichen Mundschutz vor ihm stand, als ob ihm die Gesundheit seiner Mitmenschen wichtig wäre.
»Nachdem du dafür gesorgt hast, dass Marie sich mit deinen beschissenen Drogen den goldenen Schuss gesetzt hat, fragst du mich, was ich will?« Noah schnaubte, ballte die Hände an den Seiten zu Fäusten.
»Was kümmert es dich, was Marie mit ihrem Leben machte? Sie war seit Jahren mit dir fertig, weil du sie wie Scheiße behandelt hast. Dich interessierten doch schon immer nur dein Club, deine Surferkumpel und andere Weiber. Spiel dich also hier nicht so auf!« Lee drehte Noah den Rücken zu, um sich seiner Arbeit wieder zu widmen. Sein Kunde, ein blasser Junge, der sich vermutlich mit einem Tattoo auf dem dünnen Oberärmchen cooler fühlen wollte, hing ängstlich blinzelnd im Stuhl, wie Noah aus dem Augenwinkel wahrnahm.
»Sag mal, hörst du mir nicht zu?« Noah packte Lee im Nacken und stieß ihn zum Arbeitstisch. Mit Wucht rammte er ihm den Kopf auf die Tischplatte, ließ ihn dann mit angewiderter Miene los. Klirrend fielen Spitzen und Griffstücke auf den Fliesenboden.
Lee brüllte auf. »Bist du irre? Du Arschloch hast mir die Nase gebrochen!« Das Blut tropfte dem Tätowierer vom Kinn, als er seine Hände schützend vor die Nase hielt und sich zu Noah umdrehte. Dieser starrte den Kerl zornig an. Noah hob den Arm, um ihm die Faust ins Gesicht zu schlagen. Doch plötzlich schoss ihm ein Gedanke ins Hirn, erfüllte ihn ein heftiger Schmerz, der ihm für einen Moment die Luft zum Atmen nahm. Er keuchte auf, packte im nächsten Augenblick Lees Lederweste und fixierte ihn mit schmalen Augen. »Wo ist Linus … Und wehe, du verarschst mich!« Wenn der Typ ihm nicht die Wahrheit verraten würde, würde ihn die eigene Mutter nicht mehr wiedererkennen, schwor sich Noah. Er kralle die Finger seiner rechten Hand in die grauen Haare dieses Schweins und riss ihm den Kopf mit einem Ruck nach hinten. Lee schrie auf und drückte seine Handflächen abwehrend gegen Noahs Brust. »Schon gut, Mann, ich rede. Aber danach verschwindest du … Für immer.«

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Kapitel 1 - Emilia

Schon wieder dieser dämliche Abwaschdienst!
Verärgert blickte Emilia auf die beiden Berge von Besteck und sah durch die geöffnete Küchentür hinüber zur Bar, wo hinter dem Tresen Paul zwischen Anna und Liane stand, ein Bier zapfte und mit den Gästen plauderte.
»Du bist zu langsam. Und außerdem benötigen wir für den Publikumsverkehr Jungs und Mädels, die ausgesprochen hübsch sind, damit die Clubbesucher sich nicht von ihnen loseisen können und viele Drinks bestellen. Später, wenn du dein Outfit überdacht hast und dich beweisen konntest, darfst du an eine unserer Bars, dann wird Noah es bestimmt erlauben.« Das hatte der Geschäftsführer Marc gesagt, als Emilia sich beschwert hatte, dass sie nie für die Bar eingeteilt wurde, stattdessen nur an der riesigen Spülmaschine stand. Sie musste das dreckige Geschirr einsortieren, später frisch gewaschen ausräumen und zum Schluss das Besteck gründlich abtrocknen. Sie schnaufte. Als Totschlagargument hatte Marc doch tatsächlich noch vorgebracht, dass das nun mal die ausdrückliche Anweisung vom Clubinhaber war.
Später, später, später, und wenn ihr Outfit zur Bar passte. Pah, dieser Noah Schönfeldt war einfach nur ein arroganter Arsch, ein fieser Schönling, der wohl eher mit seinem Schwanz, als mit dem Hirn dachte. Nur, weil Emilia sich nicht mit Minirock, Top und Stilletos aufbrezelte, war sie noch lange nicht hässlich und für die Bar als ungeeignet zu betrachten. Und eine Sache war für sie auf alle Fälle klar: Nie würde sie sich so anziehen! Da konnte ihr Boss warten, bis er schwarz würde. »Noah Schönfeldt, du bist ein dämlicher Macho!«, zischte sie.
Missmutig schaute sie zu Paul und den Frauen, derweil sie das Tuch über den Griff eines Messers rieb, damit das Metall keine Wasserflecken zurückbehielt.
Sie plapperten fröhlich mit einer Gruppe gutgelaunter Männer. Na super, nun kam auch noch Jonas dazu, um sich am lustigen Gespräch zu beteiligen. Doch was war bitte mit ihr?
Niemand von ihren Kollegen schenkte ihr Beachtung, während sie sich hier alleine mit dem Besteck vergnügen durfte. Gab es überhaupt eine noch stumpfsinnigere Tätigkeit?
Sie studierte Informatik, war nicht auf den Mund gefallen, aber man ließ sie hier diese bescheuerte Arbeit verrichten. Das war einfach nur ungerecht!
Heimlich drehte sich Emilia um, beobachtete den Küchenchef Jochen Brandes, wie er mit dem Clubinhaber die Bestellungen durchging. Die Planungen waren bereits im vollen Gange, denn am Freitag in drei Wochen fand die Halloweenparty statt, an der sie nicht als Angestellte, sondern als Gast teilnehmen würde.
Ihre Freundin Lilly hatte für sie eine Einladung mit ergattert, weil sie mit einem der Türsteher verbandelt war. Unter normalen Umständen wäre Emilia chancenlos gewesen, bei solch einem Event bei zu sein. Ob Schönfeldt ihr eine Karte gegeben hätte, hätte sie sich zu fragen getraut? Darüber hatte sie nachgedacht, als die Halloweentickets von der Druckerei gebracht wurden. Ihr bestimmt nicht, davon war Emilia überzeugt. Aber warum den Kopf über diese dumme Frage zerbrechen, nun besaß sie eine von den begehrten, blutroten Einladungen.
Noah sah zu ihr herüber, ihre Blicke trafen sich, und Emilia befürchtete, dass er ihre Gedanken gelesen haben mochte. Schnell wandte sie ihr Gesicht ab und trocknete mit gespielter, hingebungsvoller Miene die Klinge ab, beobachtete aus dem Augenwinkel, wie er zu ihr deutete und dem Küchenchef etwas zuraunte. Verflixt. Konnte er ihr tatsächlich in den Kopf schauen? Wieder starrte sie auf das Besteck, suchte nach einer Möglichkeit, gelassen zu bleiben.
Schritte näherten sich und Emilia bekam Puddingbeine. Wenn der Kerl doch nur nicht so verteufelt attraktiv wäre. Als sie ein Räuspern hörte, seufzte sie und unterbrach ihre Arbeit. Sie musste zu ihm hochsehen, weil er ziemlich groß war, sie ihm nur bis zur Schulter reichte.
Emilia spürte, wie ihr die Röte in die Wangen schoss, ihr Herz schlagartig gegen die Rippen wummerte. Warum hatte sie ihre Empfindungen nicht unter Kontrolle? Dabei konnte sie ihn doch nicht einmal besonders leiden, weil sie ihn für einen sturen, selbstverliebten Idioten hielt, zumindest redete sie sich das ein. Aber jedes Mal, wenn er sich in ihrer unmittelbaren Nähe aufhielt, machte seine Anwesenheit sie nervös, kribbelte es in ihrem Unterleib.
»Langweilige Aufgabe, stimmt’s!« Noah zog sich den Stuhl unter dem Tisch hervor, setzte sich rittlings drauf und stützte die verschränkten Arme auf die Rückenlehne. Emilia schielte zu den Maori-Tattoos, die seine Haut bis zu den Handgelenken verzierten. Das Stechen musste höllisch wehgetan haben, überlegte sie. Ob auch Brust und Rücken mit den verwegenen Mustern versehen waren? O Gott nein, worüber machte sie sich gerade Gedanken? Er war ihr Chef, da sollte sein Körperschmuck ihr absolut schnuppe sein! Aber sexy sahen sie bestimmt auf dem muskulösen Körper aus, das war nicht abzustreiten. Am liebsten würde sie mit den Fingerspitzen über Noahs Haut fahren, sie sanft nachzeichnen. Emilia, sofort mit den unanständigen Gedanken aufhören, nicht weiter darüber grübeln!, schimpfte ihre innere Stimme.
»Ich frage mich, worüber du dir gerade deinen Kopf zerbrichst«, sagte Noah, nachdem er eins der polierten Messer in die Hand genommen hatte und die glänzende Klinge betrachtete, es wieder zum abgetrockneten Besteck legte.
Emilia lächelte gequält. Die Antwort würde sie ihm schuldig bleiben, selbst wenn er ihr Daumenschrauben anlegen mochte.
Noah lachte. »Genauso, wie ich es bei dir befürchtet habe. Du verabscheust mich, weil ich dich hier in der Küche arbeiten lasse, statt dich an einer der Bars einzusetzen.« Der Stuhl ratschte auf den Fliesen. Noah kippte mit ihm leicht nach vorn, angelte sich ein zweites Tuch und griff nach einer Handvoll vom Besteck; das Metall klirrte, als er einen Löffel auf den abgetrockneten Berg warf. Emilia sah ihm zu, wie er flink die Arbeit verrichtete, als ob es seine tägliche Beschäftigung wäre. Aber was tat er hier? Verflucht nochmal, warum trocknete er mit ihr Besteck ab? Konnte er nicht zu Paul und den anderen gehen, statt sich bei ihr festzusetzen?
Noahs Anwesenheit machte sie so wuselig, dass ihre Hände zu zittern begannen, sie gegen die Hitze in ihrem Gesicht ankämpfen musste. Gleichzeitig bemühte sie sich, ihre Schnappatmung unter Kontrolle zu bringen, um nicht hyperventiliert umzufallen, weil der Kerl sie mit seinem herben Duft, dem strahlenden Lächeln und seiner körperlichen Präsenz wahnsinnig machte.
Emilia musterte ihn schweigend. Noah war mindestens zehn Jahre älter als sie, so ein Typ Womanizer, befand sie. Er hatte markante, leicht gebräunte Gesichtszüge, eine gerade Nase und winzige Lachfältchen um die blauen Augen. Sein flachsblondes Haar fiel ihm bis auf die Schultern. Wenn er die schön geschwungenen Lippen zu einem Lächeln verzog, sah man die ebenmäßigen, weißen Zähne.
Bevorzugt kleidete sich Noah schwarz, was ihn gefährlich wirken ließ. Heute trug er ein schwarzes T-Shirt mit einer grauen Jeans und Schnürstiefeln. Emilia konnte nicht anders, als zu denken: Der Mann war heißer Sex auf zwei Beinen. Kein Wunder, dass ihm alle weiblichen Angestellten hinterher schmachteten.
Doch ihn schien das nicht zu interessieren. Wenn er Frauen abschleppte, dann diese aufgetakelten Tussis, die im Club tanzten, ihn zügellos anbaggerten, wie Emilia manchmal mitbekam. Eine feste Beziehung habe Noah wohl schon seit Jahren nicht mehr gehabt, hatte Paul einmal Anna und Liane erzählt. Emilia hatte das Gespräch mitbekommen. Ja, sie musste zugeben, sie hatte gelauscht – Asche auf ihr Haupt. Aber auch sie konnte sich der Aura von Noah nicht entziehen. Leider.
Noah betrachtete Emilia amüsiert, während er das Besteck trocknete. »Keine Sorge, auch du wirst demnächst hinter dem Tresen eingesetzt. Aber du bist noch nicht lange genug bei uns.«
»Äh, was?« Verdammter Mist, bei all ihren Gedanken hatte sie ihm nur mit halbem Ohr zugehört. »Entschuldige, könntest du noch einmal wiederholen, was du gesagt hast?«
Noah stöhnte grinsend. »Ach, Emilia, in welcher mathematischen Formelwelt hängst du wieder rum?« Er schüttelte den Kopf. »Ich sagte, du musst dich nicht sorgen. Ich werde dich noch an einer der Bars einsetzten, aber zu einer späteren Zeit. Du bist erst kurz bei uns.«
Emilia zog die Augenbrauen zusammen. Was für einen Stuss laberte er da? »Ich bin schon seit zwei Monaten hier, gleiche Zeit wie Anna«, protestierte sie.
»Die Frau kommt im Gegensatz zu dir aus der Gastronomie, ist viel älter als du, Mädchen.« Er warf ihr einen langen Blick zu. »Nach dem, was ich in deiner Personalakte gelesen habe, wirst du erst in ein paar Wochen 20 Jahre alt. Da lasse ich dich noch nicht zu den Kerlen raus. Wenn sie betrunken sind, können sie auch anders als freundlich sein. Davor will ich dich schützen.«
»Dann kann man Kaffee anbieten. Das würde ich bei manchen Gästen eher tun, als ihnen weiter Bier zu zapfen. Dann bekommen die Typen wieder einen klaren Kopf.« Noah musterte Emilia mit einem sorgsamen Blick. »Schau an, schau an … Du scheinst aufzupassen, über Lösungen nachzudenken. Das gefällt mir.«
Sie nickte eifrig. »Ich kann sehr gut auf mich achtgeben, ruhig bleiben und mit schwierigen Situationen umgehen, wenn es erforderlich ist.« Sie wollte Noah davon überzeugen, dass er sie ohne schlechtes Gewissen an der Bar einsetzen könnte. »Probiere es mit mir aus«, forderte sie ihn auf, von einem plötzlichen Mut ergriffen. »Du wirst es nicht bereuen. Ich bin gut im Kopfrechnen und gesprächig.«
Sinnend betrachtete Noah Emilias Gesicht. »Du unterschätzt das, bist viel zu jung.« »Ich bin überhaupt nicht zu jung«, widersprach Emilia. »Du findest ja nur, dass ich nicht deinem Klischee einer hübschen Frau entspreche, die mit ihren riesigen Brüsten wippt, mit dem Hintern wackelt und ihre wasserstoffblonden Haare lasziv über die Schultern wirft. Nur diese Barbies gefallen dir. Du bist doch nur voreingenommen. Hier in der Küche sieht mich ja niemand, für dein blödes Geschirr und Besteck bin ich dir gut genug.« Aufgebracht warf Emilia das Handtuch auf den Tisch, pustete sich eine lange Strähne aus dem Gesicht und funkelte Noah an.
Sie hatte sich hier beworben, um mit dem Gehalt und dem Trinkgeld ihre Finanzen während des Studiums aufzubessern. Doch in der Küche verdiente sie nicht so viel wie an der Bar, obwohl auch hier die Arbeit anstrengend war.
Doch ein Mann wie Noah konnte sich in die Probleme einer armen Studentin nicht hineindenken. Ihm schien es finanziell gut zu gehen, wie sie es an seinen teuren Klamotten und der Hugo Boss Uhr am Handgelenk erkannte. Und von Paul hatte sie vernommen, dass er zu Weihnachten in die Karibik zum Surfen fliegen würde. Klar, ihm war das daher egal, ob sie finanziell zurechtkam oder nicht. Hauptsache, sein Leben war schön und erlebnisreich.
»Du hast eine ziemlich vorgefertigte Meinung von mir, Emilia. Wenn es dir um einen besseren Verdienst geht, dann können wir darüber reden. Ich will dich nicht unterbezahlen.«
»Es geht mir nicht um deine blöden Almosen!«, widersprach Emilia heftig. »Ich will diese stupide Arbeit nicht mehr machen, nur weil du mich nicht sexy genug findest.« »Du bist noch keine Frau in meinen Augen, sondern ein junges Mädchen. Also denke ich nicht darüber nach, ob du sexy bist oder nicht! Hier bin ich dein Chef, treffe Entscheidungen und sage: Du wirst noch mindestens vier Monate in der Küche bleiben und dich um das schmutzige Geschirr und das Besteck kümmern.«
Emilia presste die Lippen zusammen, spürte, wie der Zorn in ihr aufstieg. Der Kerl machte sie wuschig, so faszinierend fand sie ihn, und er sah in ihr nur ein kleines Mädchen, das er wie Aschenputtel die Drecksarbeit erledigen ließ. Sie schnappte nach Luft. »Ich bin eine Frau, kein halbes Kind und nicht dein dummes Puttelchen!«
Noah stand auf, warf das Handtuch zum Besteck. Er schob den Stuhl unter den Tisch zurück und sah Emilia prüfend an. Seine Augen wanderten über ihren Körper.
»Umso bedauerlicher, dass ich mit dir dann nicht wie mit einer erwachsenen Frau reden kann. Du bist innerlich wie äußerlich noch ein junges Mädchen.« Er lächelte. »Wenn du älter wärst, könntest du mir tatsächlich gefährlich werden … Das zu deinem Vorurteil, was meinen Frauengeschmack betrifft, Emilia.«
Die Worte trafen sie wie ein Stromschlag. Hatte er das tatsächlich gerade zu ihr gesagt?
Sie, Emilia, könnte ihm gefährlich werden, wenn sie älter wäre? Oder war das eine Verarsche, machte er sich über sie lustig?
Schlagartig hatte sie das Gefühl, alles drehte sich um sie, die Wände, der Fußboden, die Küchengeräte. Sie hielt sich an der Tischkante fest, starrte Noah hinterher, der bereits die wenigen Schritte zu Paul gegangen war, ohne sich noch einmal zu ihr umgedreht zu haben. Emilia beobachtete, wie er dem jungen Mann mit den Rastazöpfen den Arm um die Schultern legte und etwas zu ihm sagte. Wie in Stein gemeißelt, stand sie da, konnte ihre Augen nicht von ihm lösen. Das Gefühlschaos, das Noah Schönfeldt in ihrem Herzen angerichtet hatte, war nun nicht mehr zu entwirren. Doch plötzlich vernahm Emilia ein Brummen.
Erschrocken fuhr sie herum, blinzelte Brandes an.
Der Küchenchef erwiderte ihren Blick. Er hatte ein feistes Gesicht, scharfe Augen unter buschigen Brauen. Den schmallippigen Mund hatte er missbilligend verzogen. »Wirst du fürs Gaffen auf Schönfeldt bezahlt?«
Emilia wäre am liebsten aus der Küche gerannt, derart peinlich war es ihr, dass der fette Brandes bemerkt hatte, wie sie Noah beobachtete. Er schaute geringschätzend auf ihre Arbeit. Mit gerunzelter Stirn hob er mit seinen dicken Wurstfingern eine Gabel, betrachtete sie rundherum, schnaufte, und warf sie zum abgetrockneten Besteckberg. »Du bist wirklich für alles hier zu langsam, für die Küche völlig ungeeignet. Ich habe ja Schönfeldt vorhin gesagt, er soll dich rausschmeißen. Hatte er mit dir nicht darüber gesprochen? Mädel, du bist für ihn verschwendetes Geld. Ich verstehe nicht, warum er bei dir nicht wie ein Geschäftsmann denkt!?« Er sah sie mit kalter Miene an, schüttelte den Kopf.
Das war zu viel für Emilia. Sie merkte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen.
Brandes war ein noch größeres Arschloch als Noah und Marc zusammen. Was wusste sie, warum sie nicht entlassen wurde? Noah hatte das mit keinem Wort erwähnt, als er mit ihr gesprochen hatte. Spielte man mit ihr Katz und Maus, wartete, bis die Halloweenparty vorbei war und verpasste ihr dann einen Tritt? Emilia rang nach Luft, sie musste hier raus, bevor jemand bemerken konnte, wie gedemütigt sie sich fühlte. Hastig kehrte sie Brandes den Rücken zu und rannte zum Hinterausgang der Küche, riss die Tür auf und stürzte nach draußen. Blind lief Emilia vorwärts. Sie stolperte, schrie erschrocken auf und kämpfte um die Balance.
Wenn in diesem Moment nicht ein mit Maori-Tattoos verzierter Arm ihre Taille umschlungen hätte, wäre sie mit ihrem Körper der Länge nach auf die Treppenstufen aufgeschlagen, die vom Souterrain nach oben zur Straße führten.

***

Emilia hatte nicht mehr die Kraft, die Tränen zurückhalten. Sie hasste Brandes, sie hasste die Küche, sie hasste Noah, dabei arbeitete sie doch erst seit ein paar Wochen im Club.
Emilia versuchte, sich loszureißen, doch Noah hielt sie fest an sich gedrückt, und sie spürte seinen warmen Atem an ihrer Haut. Schlagartig bemerkte sie das Flattern ihres Herzens, die sich ausbreitende Wärme im Bauch, als er ihr so nahe war. Warum schaffte sie es nicht, ihre Gefühle in seiner Gegenwart unter Kontrolle zu halten? Und warum, verdammt nochmal, musste sie jetzt vor Noah heulen? Schniefend wischte sie sich die Tränen fort.
»Emilia, was ist los mit dir? Warum bist du aus der Küche gestürzt und weinst?«, flüsterte Noah dicht an ihr Ohr. »Kann ich dich loslassen und du läufst nicht weg vor mir?«
Nein, halt mich fest, tröste und küss mich, flehte ihre innere Stimme. Bullshit! Ich bedeute ihm nichts!, schalt Emilia ihr Hirn. Sie musste so schnell wie möglich ihren Verstand einschalten, sich im Griff bekommen, obwohl sie die aufsteigende Röte nicht zu verhindern vermochte. Nach kurzem Schweigen auf der Treppe nickte Emilia. »Ja, du kannst mich loslassen, alles okay.«
Hastig wandte sie sich aus Noahs Arm und drehte sich um. Ihre Wangen glühten, als hätte sie Fieber. Und Noahs Lächeln verriet ihr, dass er den Grund erahnte, aber er schwieg dazu. Nicht auszudenken, er würde sie damit aufziehen! Noah wusste, welche Wirkung er auf Frauen hatte, da war sich Emilia sicher.
»Wir können reden, wenn du willst. Ich möchte wissen, was dich bedrückt.« Mit Daumen und Zeigefinger hob er Emilias Kinn und sah ihr mit prüfender Miene ins Gesicht. Die leichte Berührung jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Emilia schluckte.
»Wollen wir in das Café vorne um die Ecke gehen und einen Kaffee trinken?« Unsicher zuckte Emilia mit den Schultern. »Ich weiß nicht.« Sie würde zu gern die Chance nutzen, mit Noah allein zu sein. Aber dann müsste sie seine Fragen beantworten und zugeben, dass sie die Vorstellung ängstigte, er wollte sie aus den Club werfen, weil sie nach Brandes’ Meinung für den Job ungeeignet war. Doch das traute sie sich nicht. Was wäre, wenn Noah die Auffassung des Küchenchefs bestätigen würde? Diese Peinlichkeit wollte sie sich ersparen. Schlimm genug, wie frustriert und jämmerlich er sie gerade erlebte.
»Du brauchst dich um nichts sorgen. Du kannst mir vertrauen.« Noah sah Emilia tief in die Augen. »Ich habe nicht vor, dich zu entlassen.«
Nein? Er wollte sie nicht rausschmeißen? Kein Trick, nur reden? In Emilias Kopf ratterten die Gedanken wie ein Motor.
Ehe sie wusste, was geschah, hatte Noah sein Handy aus der hinteren Hosentasche gezogen und tippte eine Nachricht ein. »Komm!«, forderte er Emilia auf. »Ich habe Marc Bescheid gegeben, dass wir in einer Stunde zurück sind.« Die Worte klangen wie ein Befehl, aber ein kleinen Lächeln umspielte seine Mundwinkel, als er Emilia am Arm die letzten zwei Stufen zum Gehweg hochzog.
»Du hast Marc erzählt, dass wir beide für eine Stunde nicht im Club sind?«, rutschte es aus Emilia heraus.
Noah runzelte verwundert die Stirn. Er lachte kopfschüttelnd. »Natürlich, sonst setzt Marc noch eine Suchmeldung in die Zeitung, weil wir verschollen sind.«
O Gott, meinte er das sarkastisch? »Äh … Klar«, war alles, was Emilia herausbringen konnte. Logisch, dass er Marc informieren musste, dass er mit ihr den Club verlassen hatte. Das wurde ja kein heimliches Date, sondern ein stinknormales Gespräch zwischen Chef und Angestellte in einem Café. Eigentlich verdammt schade. Emilia musste ziemlich irritiert aussehen, denn Noah blickte auf seine Uhr am Handgelenk und presste die Lippen zusammen. »Hm, ungefähr noch 55 Minuten verbleiben uns. Wir sollten die Zeit nicht sinnlos verstreichen lassen.«
Auf dem Weg zum Café hoffte Emilia, dass Noah sich mit ihr unterhalten würde, aber er ging mit einer halben Armlänge Abstand stumm neben ihr und hielt die Hände in den vorderen Hosentaschen vergraben. Ein leichter Wind wehte und blies Emilia ins Gesicht. Mit tiefen Zügen sog sie die Luft ein. Die Straßen waren dunkel und still, nur wenige Leute waren wie sie unterwegs. Erleichtert atmete sie auf, als sie den Weg links abbogen und sie Licht durch die großen Fenster des Cafés sah.
Noah öffnete die Eingangstür und ließ Emilia den Vortritt. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte er den Arm um ihre Schultern legen können, ohne ihn noch einmal fortnehmen zu müssen. Aber er tat nichts dergleichen.
»Dort ist ein guter Platz«, sagte Noah und steuerte auf einen Tisch zu. Als er merkte, dass Emilia ihm nicht folgte, schaute er sich verwundert um. Scheiße, dieser intensive Blick! Emilia schluckte. Noahs unglaublich schöne Augen, sie könnte ihm stundenlang ins Gesicht starren. Er kam zurück. »Warum stehst du wie angewurzelt hier rum?«
»Weil … Ach ich war in Gedanken.« Ein Moment huschte Verwunderung über Noahs Gesicht. »Aber jetzt bist du wieder bei mir und wir können uns setzen?«
»Sicher«, antwortete Emilia und begleitete ihn zum Tisch.

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Kapitel 2 - Noah

Es war Mitte August, als Emilia bei ihnen im Club auftauchte. Marc hatte sie eingestellt, weil sie dringend eine Spülkraft benötigten. Wer mochte schon diesen Job? Es war schwer, für solch eine öde Tätigkeit jemanden zu finden.
Damit die Kleine den Arbeitsvertrag schlussendlich unterschrieb, hatte Noahs Geschäftsführer dem Mädchen versprochen, dass sie irgendwann die Möglichkeit bekäme, an einer der Bars zu arbeiten. Nun gut, das entsprach nicht unbedingt der Wahrheit, aber Not machte bekannterweise erfinderisch.
Und damit der Ablauf in der Küche auch weiterhin funktionierte, musste Marc, Noahs engster Kumpel und rechte Hand, mit Angeboten locken, damit Bewerber blieben. Manchmal war das unumgänglich.
Der Club war die angesagteste Adresse in Berlin, stets überfüllt und mit zahlwilligem Publikum. Da die schönsten Mädels der Stadt hier am liebsten feierten, wurde der Club auch schnell für Touristen und Promis ein Besuchermagnet. Und dass Noah der Besitzer des Ladens war: That’s Fun! Er war stolz auf das, was er erreicht hatte.
Doch nun saß er hier mit Emilia und musste alles Erdenkliche tun, um nicht seine Spülkraft zu verlieren, nicht, wo die Halloweenparty vor der Tür stand. Die Kleine musste durchhalten, und Brandes war schon immer ein Arschloch gewesen, aber ein stressrenitenter und hervorragender Koch. Auf ihn konnte Noah noch weniger verzichten, daher ließ er Brandes’ fiesen Kommentare ab und zu durchgehen.
Aber nun schien es, dass der Küchenchef den Bogen überspannt hatte. Noah würde mit ihm reden, aber zunächst galt es, die Kleine zu beruhigen.
Er betrachtete Emilia. Sie war ein süßes Mädchen, keine Frage: volle Lippen, lange schokobraune Haare, dunkle Augen mit dichten Wimpern, ansprechende Figur mit hübschen Brüsten.
Ein wenig erinnerte sie ihn an Mia. Er hatte sich damals in diese Studentin verguckt, aber sie war zu jung, zu zurückhaltend und in ihren Ex verknallt. Zwei Jahre war es schon her, dass er von sich aus den Schlussstrich gezogen hatte.
Seitdem waren kleine Mädchen für ihn tabu. Immerhin war er dieses Jahr 33 Jahre geworden und somit zu alt für den Blödsinn. Junge Mädels waren oft zu anstrengend, zu unreif, zu besitzergreifend. Er war davon überzeugt, weil er noch einen Versuch gestartet hatte, aber das wurde genauso ein Fiasko. Und nach der schrecklichen Sache mit Marie, die wenige Wochen nach der Trennung von Mia passierte, wollte und durfte er sich auf keine ernsthafte Beziehung mehr einlassen.
Maries Tod hatte Noah das Herz zerrissen, ihm buchstäblich den Boden unter den Füßen weggezogen, denn es gab eine Zeit, da hatte er seine Exfrau über alles geliebt. Er trauerte noch immer um sie. Würde der Schmerz je aufhören?
Durch die danach übernommene Verantwortung war sein Leben noch komplizierter geworden, dass er sich nur auf One-Night-Stands mit willigen Bitches einließ.
Diese fand er im Club zur Genüge. Frauen, die dachten, sie seien außergewöhnlich attraktiv und etwas Besonderes, die dem Trugschluss unterlagen, ihn für eine Beziehung gewinnen zu können, nur weil sie seinen Schwanz gut geblasen hatten.
Aber … Fuck, was war dabei? Noah mochte Frauen. Nur Gefühle ließ er außen vor. Das hatte er an Maries Grab geschworen, und er hatte es endlich geschafft, sein Herz zu verschließen!
Wenn es vorkam, dass eine Frau zu aufdringlich wurde, ihn bis in den Club stalkte, gab es zum eigenen Schutz noch das Hausverbot. Denn rumgemacht und gevögelt wurde nur einmal, im privaten Hinterzimmer seines Arbeitsbereichs, der dem öffentlichen Publikumsverkehr nicht zugänglich war. Seine Einstellung hatte er nie verheimlicht. Dass er ein zweites Treffen nicht wollte, klärte er immer vorher.
Noah hatte seine Unterarme auf den Tisch gelegt. Er bemerkte, wie Emilia mit den Augen die Motive seiner Tattoos betrachtete.
»Gefallen sie dir?«
Emilia nickte. »Wo hast du sie machen lassen?«
»Bei einem ehemaligen Bekannten in Hamburg, der dort ein Tattoostudio betreibt.« Sie lächelte … Ein schönes Lächeln.
»Hat das Stechen wehgetan?«
»Emilia, wir sind nicht wegen meiner Tattoos hier.«
»Aber du hast mit dem Thema angefangen.«
»Stimmt.« Noah fuhr sich durchs Haar und überlegte eine Antwort. »Es ist ein Gefühl, als ob dich Wespen stechen, also auszuhalten.« Er schmunzelte. Es gefiel ihm, wie sie die Augen aufriss und ihr Blick zwischen seinem Gesicht und den Motiven hin und her wanderte. Sie machte eine bewundernde Miene, als ob sie sich gerade vorstellte, wie er damals auf dem Tattoostuhl gesessen hatte und ohne mit einem Muskel zu zucken, die stundenlange Prozedur über sich ergehen ließ. Wenn sie wüsste, wie er während jeder Sitzung die Zähne zusammengebissen hatte, um sich nichts anmerken zu lassen. Lee hätte ihn sonst eine Pussy genannt. »Der Kunde hat zu schweigen und zufrieden zu lächeln, wenn die Nadel sich mit der Haut vergnügt«, pflegte der Tätowierer stets zu seinen Kunden zu sagen. Noah hatte geschwiegen. Na ja … Gelächelt eher weniger. Er stand nicht so auf Schmerzen.
»Haben die Motive eine bestimmte Bedeutung?«, wollte Emilia wissen.
Noah nickte. »Auf dem linken Oberarm habe ich das Marquesas Kreuz mir stechen lassen, das die vier Weltrichtungen symbolisiert.« Er zeigte Emilia den Arm und schob den Stoff des T-Shirts ein Stück höher. »Es bedeutet Gleichgewicht, Harmonie, Stabilität und Ruhe.«
Noah erklärte noch weitere Motive, welche Tiere und Zeichen er auf der Haut trug. Es überraschte ihn, wie gespannt Emilia zuhörte, dass es ihm vorkam, als ob sie sich tatsächlich für die Maori-Kultur interessierte. Doch als er bemerkte, wie ihre Augen zu leuchten begannen, sich ihre Wangen wie auf der Treppe röteten, brach er ab. Um Himmels willen, nicht noch eine Angestellte, die sich in ihn verliebte! Dass er Emilia nicht gleichgültig war, den Verdacht hatte er schon eine Weile.
»Was magst du trinken? Kaffee, Cappuccino?«, fragte er Emilia und winkte die Bedienung heran.
»Ich trinke keinen Kaffee, lieber Pfefferminztee.«
»Tee?« Noah lachte leise. »Eine Studentin, die Kräutertee mag? Ich dachte, ihr Superschlauen steht nur auf Koffein?«
Eine blonde Kellnerin kam an den Tisch und wollte eine Speisekarte reichen, aber Noah winkte ab, zeigte erst auf Emilia, dann auf sich. »Für sie einen Pfefferminztee, für mich einen doppelten Espresso, bitte.«
Während sie auf die Getränke warteten, fragte Noah Emilia über das Studium aus. Es beeindruckte ihn, dass dieses Mädchen Informatik studierte. Sie strahlte ihn an.
»Wenn du mal Probleme mit deinem PC oder Laptop hat, dann kann ich dir bestimmt helfen … Ich meine, wenn du willst.«
Sie leckte sich mit der Zungenspitze langsam über die Unterlippe und lächelte. Fuck, diesen Gesichtsausdruck kannte er zu gut … Den setzten Frauen auf, wenn sie versuchten, ihn anzumachen. Das bedeutete, Emilia baggerte ihn an? Echt jetzt? Wow, dringend war ein Themawechsel angesagt.
Noah räusperte sich. Er wartete, bis die Kellnerin die Getränke serviert hatte und verschwand.
»Pass auf, Emilia, ich möchte, dass du bei uns im Club bleibst, und bestimmt setze ich dich auch irgendwann an eine der Bars ein. Und selbstverständlich rede ich mit Jochen, dass er so nicht noch einmal mit dir …«
»Du hast es mitbekommen?«, unterbrach ihn Emilia und nippte verlegen an ihrem Tee.
Noah nickte. »Hab ich. Es wird nicht noch einmal vorkommen, dass Jochen so mit dir spricht. Solch ein Verhalten werde ich zukünftig unterbinden. Aber …«
»Aber was?« Sie leckte erneut über ihre Unterlippe, während sie ihn mit großen Augen ansah.
Verdammt, Mädchen, sieh mich nicht so an und hör auf, das mit deiner Zunge zu machen!, dachte Noah ärgerlich, denn gegen seinen Willen fand sein zuckender Schwanz die Kleine im Augenblick süßer, als er sollte. Die Hose wurde mächtig eng, und das beunruhigte Noah. Er fühlte sich unwohl, musste etwas sagen, um eindeutig eine Grenze zwischen sich und Emilia zu ziehen.
»Ich fange nichts mit dir an«, brach es aus ihm schroff heraus. So ein Scheiß. Noah rollte mit den Augen. Dämlicher hätte er das nicht sagen können.
»Was?«, kam auch prompt die fassungslose Antwort von Emilia. »Wa … Was meinst du?«
»Du bist eine Angestellte von mir. Ich fange nichts mit dir an, und du bist außerdem zu jung. Das sagte ich ja schon einmal zu dir, so ähnlich jedenfalls.«
»Aber ich habe doch nichts derart gesagt, dass du das glauben könntest?«
Verflucht, sie wirkte so selbstsicher, dass Noah sich plötzlich in die Enge getrieben fühlte. Er musste sich erklären, deutete mit der Hand zu ihrem Mund. »Nein, hast du nicht, aber das mit deiner Zunge …«
»Wegen meiner Zunge? Was hast du gegen meine Zunge? Entschuldige, meine Lippen sind trocken. Ich habe sie nur befeuchtet.«
Noah presste den Mund zusammen, um nicht loszulachen. Wie sie schon wieder über die Lippen leckte, ihn mit ihren braunen Augen zublinzelte. Das machte sie doch mit Absicht? Entweder war sie die Unschuld pur, oder ziemlich flirterfahren. Holy Shit, sein rebellierender Schwanz wünschte sich eindeutig die zweite Variante, aber da würde schon Noahs innere, vernünftige Stimme aufpassen, dass er sich nicht in Gefahr begab. Doch irgendetwas reizte ihn an dem Mädchen, trotz ihres jungen Alters und den langweiligen Klamotten. Wer trug schon freiwillig lila Hosen und gepunktete Shirts?
Egal, er musste sich zukünftig von ihr fernhalten, bevor sie es schaffte, ihn unter die Haut zu gehen. Das Gespräch lief in eine Richtung, die ihm überhaupt nicht gefiel. Warum war er nur auf die dumme Idee gekommen, mit ihr das Café aufzusuchen?
Schnell zog Noah einen geknüllten Zwanziger aus der Hosentasche und warf ihn auf den Tisch.
»Lass uns abhauen!«, sagte er schärfer als beabsichtigt. Hastig sprang er von seinem Stuhl auf. Emilia starrte zuerst verwundert auf Noahs unberührten Espresso, dann auf den Geldschein. Schließlich erhob auch sie sich von ihrem Platz. »Bist du immer so großzügig?«, erkundigte sie sich spöttisch.
»Ja, immer.«
»Aha.«
Dieses Aha, sie musste ihn jetzt für einen widerlichen Snob halten, aber Noah wollte so schnell wie möglich aus der Situation flüchten. Wie konnte das jetzt hier passieren?
Was war nur los mit ihm? Und warum erregte ihn die Kleine plötzlich? Nicht einmal eine halbe Stunde waren sie im Café gewesen und schon machte sie ihn verrückt.
Während sie nebeneinander zum Club zurückgingen, war die Stimmung zwischen ihnen angespannt. Als sie den Hintereingang erreichten, atmete Noah erleichtert auf. Bloß weg von dem Mädchen!

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Kapitel 3 - Emilia

Die ersten zwei Wochen der Vorlesungszeit des Wintersemesters an der Universität waren aufregend gewesen. Emilia hatte für ihre im elektronischen Service gebuchten Kurse und Module die Zusagen erhalten und war zufrieden, dass alles reibungslos geklappt hatte, ihre Wochenpläne nicht neu angepasst werden mussten. Denn wenn Emilia etwas hasste, waren es unerwartete Veränderungen. Dass das Modul Advanced Game Technology ausfallen könnte, hatte sich zum Glück nicht bewahrheitet. Professor Salmankan trat seine Stelle doch noch an. Einige Wochen hing die Veranstaltung mit den Vorlesungen, Seminaren und Labortagen in der Schwebe.
»Hi, Emmi«, hörte sie eine Stimme. Der Stuhl neben ihrem knarrte. Jannik ließ sich auf den Sitz fallen, klappte den kleinen Tisch vor sich runter und zog aus der Umhängetasche den Laptop.
»Hey, Jannik!« Emilia war erleichtert, dass ihr Freund noch kurzfristig die Zusage bekommen hatte. Er hing mit den Einschreibungen meist hinterher, vergaß oft die Fristen und musste sich schon manches Mal mit den unbeliebten Kursen begnügen.
Emilia war da das Gegenteil, wollte überall die Erste sein. Sie wusste, dass sie dabei übertrieb. Eine Macke von ihr, aber so war sie schon als Kind. Jedoch verfolgte sie die Angst, etwas zu verpassen oder Termine zu verschusseln. Leider hatte sie noch kein Rezept gefunden, ruhiger an die Dinge heranzugehen.
Grinsend schob Jannik seine schwarz gerahmte Brille über die Nasenwurzel und strich sich durch das dunkelbraune Haar. »Super, dass wir die Zusage für das Modul haben. Salmankan soll eine Koryphäe auf dem Gebiet der Computergrafik sein. Ich bin froh, dass er den Lehrstuhl hier angenommen hat.« Sein Finger spielte erneut an der Brille, ein Tick, den er hatte, wenn er nervös war. Und Jannik war ständig nervös, jede Situation konnte ihn aus dem Konzept bringen. Emilia schmunzelte. Schwupp, schon schob er den Steg wieder über den Nasenrücken, als ob er die Brille an die Stirn kleben wollte, doch rutschte sie sofort zum kleinen Höcker zurück und blieb dort liegen.
»Wie läuft’s mit Till?«, fragte Emilia. Sie hatte ihren Freund einige Wochen nicht gesehen, nur mit ihm telefoniert. Obwohl Jannik seinen Lover nicht erwähnt hatte, ahnte sie, dass das Gefummel am Gestell mit ihm zusammenhing. Mit hochgezogenen Augenbrauen sah sie sich Jannik genauer an. Till tat ihm gut, ihr Freund wirkte verändert.
Das Haar trug Jannik kürzer, strubbelig gestylt, und statt einem karierten Hemd und der obligatorischen braunen Kordhose war er mit einem grauen T-Shirt, engen, blauen Jeans und Boots bekleidet. Er sah nicht mehr wie ein Nerd aus, eher wie ein sexy Modelltyp. Kleider machen Leute, an dem Spruch war was dran.
Emilia seufzte, irgendwie hatten sie und ihre Freunde alle wie Nerds ausgesehen, außer Lilly, die besonders wert auf coole Klamotten legte, seitdem sie mit Aron in einer festen Beziehung war. Es begann zu Beginn des vergangenen Sommersemesters, als sie gemeinsam Noahs Club besuchten, wo Aron als Türsteher arbeitete. Liebe auf den ersten Blick, ja, so konnte man das zwischen den beiden nennen. Nun jobbte Emilia und Lillys Freund gemeinsam im Club.
»Till hat mich gestern angerufen. Er hat sich entschieden, nächstes Jahr von Göttingen nach Berlin zu ziehen, um mit mir gemeinsam hier zu studieren.«
»Tatsächlich?« Emilia schüttelte den Kopf. »Dass es so ernst zwischen euch wird, hätte ich nicht gedacht. Aber ich finde seine Entscheidung toll.«
Jannik hob die Schultern. »Ich hatte das auch nicht erwartet, aber der Urlaub in Kroatien hatte ihn wohl überzeugt, dass er ohne mich nicht mehr leben will, die Entfernung ihm nun doch zu groß ist.« Er seufzte lächelnd. »Ich bin absolut happy.«
»Das glaub ich.«
»Und wie ist es bei dir … Also mit deinem Chef?«, hakte Jannik nach. Emilia zuckte mit den Achseln. »Ich hatte dir ja von der Story im Café erzählt.«
Jannik nickte wissend, studierte aufmerksam Emilias Gesicht. »Die Sache vor drei Tagen, wo er annahm, du versuchst, ihn klarzumachen.«
»Hm. Seitdem behandelt er mich wie Luft.« Es tat weh, dass Noah mit ihr nichts mehr zu tun haben wollte. Das war aber auch eine kindische Geschichte, die sie sich mit ihm erlaubt hatte. Wie konnte sie nur auf diese behämmerte Idee kommen, ihn mit ihrer Zunge zu provozieren? Die ersten zwei Male, als sie sich über die Unterlippe geleckt hatte, waren unbeabsichtigte Aktionen. Beim dritten Mal wollte sie ihn reizen.
Noah hatte ihr dann unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er das bescheuert fand. Er war verdammt sauer gewesen. Wie dumm sie doch war, sich derart plump zu verhalten. Noah war ein Mann, kein dämlicher Junge. Und sie hatte sich wie ein einfältiges Mädchen benommen.
»Du schämst dich, dass er schlecht über dich denkt«, beantwortete Jannik Emilias unausgesprochenen Gedanken.
Seufzend nickt sie. »Ich würde das am liebsten rückgängig machen, aber die Einsicht kommt zu spät.«
Plötzlich knallte die Tür, und ein kleiner, hagerer Mann in einem geknitterten, braunen Anzug war in den Vorlesungssaal gestürmt. Sofort hörte das Gemurmel in den Reihen auf, wandten sich alle Gesichter zum Rednerpult. Professor Salmankan war einige Minuten zu spät gekommen. Kurzes Durchschnaufen, dann begann er mit einem nicht enden wollenden Monolog.
»Ich begrüße alle Teilnehmer dieser Lehrveranstaltung. Mein Name ist Madhu Salmankan und meine Familie stammt aus Indien. Ich verspreche Ihnen, dass Sie eine Menge neues Wissen mitnehmen, wenn Sie bereit sind, sich auf dieses Modul einzulassen. Sie werden den aktuellen Forschungsstand im Bereich Computergrafik kennenlernen und wichtige Fähigkeit erlangen, um die neusten technologische Trends zu analysieren und zu hinterfragen. Wir befassen uns mit den wichtigsten Methoden der Bildsynthese, und zwar für die interaktive Darstellung, als auch für Offline und Realtime Rendering.«
Emilia verdrehte die Augen. Bla, bla, bla. Sie war genervt. Der Mann sollte lieber mit der richtigen Vorlesung beginnen. Jedes Mal dieses langweilige Einführungsgeschwafel, das sich kein Prof nehmen lassen wollte, einfach grässlich. Jannik neigte sich zu Emilia. »Der Typ erinnert mich an Raj aus The Big Bang Theory, diese lallenden, schnellen Worte sind echt lustig.« Emilia kicherte, riss aber im nächsten Moment erschrocken die Augen auf, als Salmankan sie und Jannik streng musterte. »Na, da haben wir wohl schon zwei vorwitzige Kandidaten für das erste Referat unseres Seminars nächste Woche. Meine Dame und mein Herr, ich erwarte Sie nach der Vorlesung hier vorn!«
Scheiße, verdammt, hätten sie doch bloß weiter hinten gesessen. Emilia mochte es nicht, gleich zu Beginn des Semesters mit Aufgaben eingedeckt zu werden. Sie war ein zögerlicher Typ, wartete lieber ab, um sich ein Bild von den Anforderungen der Profs zu machen, welche Leistungen sie von Studenten erwarteten. Jannik dachte so ähnlich, wie sie an seinem verärgerten Knurren hörte. Das war ein fieses Selbsttor, das sie sich beide geschossen hatten. Na klasse!

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Kapitel 4 - Emilia

Die ersten vier Tage der Woche waren schnell vergangen, und die Vorbereitung zum Referatsthema Die Simulation von globalen Beleuchtungseffekten lief besser als erwartet. Alles, was an Literatur für die Ausarbeitung nötig war, gab es in der Bibliothek, das Internet war ebenfalls ergiebig. Selbständig hatten sich Jannik und Emilia mit den untereinander aufgeteilten Schwerpunkten ihres Vortrags befasst, den sie sich durch ihr Gequatsche in Salmankans Vorlesung eingehandelt hatten.
Am Freitagvormittag waren sie in der Cafeteria verabredet gewesen und hatten ihre Aufzeichnungen verglichen. Emilia war danach überzeugt, dass der Prof mit ihren Referat zufrieden sein würde.
Nach gemeinsamen Mittagessen war sie zum Ku’damm gefahren, um sich neu einzukleiden. Jannik hatte zum Flughafen Tegel gewollt, weil Till übers Wochenende kam. Die jungen Männer planten für Samstag, Wohnungen im Stadtteil Friedrichshain zu besichtigen; eine beliebte Gegend unter Studenten, weil die Mieten hier erschwinglich waren.
Als Emilia nachmittags in ihrem Wohnheimzimmer angekommen war, verteilte sie die neuen Klamotten auf ihrem Bett und betrachtete sie. Nachdenklich kaute Emilia auf der Unterlippe. Hoffentlich würden die Anschaffungen ihr gut stehen. Da sich nicht nur Lilly, sondern nun auch Jannik für coole Outfits interessierte, wollte Emilia ihren Freunden in Sachen Mode nicht nachstehen … Und wer weiß, vielleicht würde Noah sie dann mehr beachten? Schluss Emilia, er hat dich bis jetzt nicht wahrgenommen und wird es auch in Zukunft nicht tun!, wetterte ihre innere Stimme. War ja klar, dass ihr Hirn mit fiesen Kommentaren dazwischenfunkte. Emilia hatte nicht vor, ihr Selbstbewusstsein in den Keller zu schicken, diesmal würde sie mehr für ihr Ego tun. Sie entschied sich, die noch verfügbaren zwei Stunden für eine ausgiebige Dusche zu nutzen, bevor sie zur Schicht in den Club aufbrechen musste.
Gründlich seifte sich Emilia unter dem warmen Wasserstrahl ein, rasierte noch Achseln, Beine und Scham, widmete sich zum Schluss ihrer Mähne. Die frischgewaschenen und anschließend geföhnten Haare band sie zu einem lockeren Knoten zusammen. Mit klopfendem Herzen zog sie die ärmellose, kornblaue Bluse mit der engen, schwarzen Jeans an, schlüpfte zum Schluss in schwarze Pumps mit kleinen Absätzen. Diesmal entschied sie sich, die Oberlider ihrer Augen mit dem Eyeliner nachzuziehen, die Wimpern zu tuschen und etwas Parfüm an den Hals zu sprühen. Nach einem letzten prüfenden Blick in den Spiegel zog sie ihre Jacke an, schnappte die Tasche und machte sich auf den Weg zur Bushaltestelle.
Wie jeden Freitag war der Club brechend voll. Durch die Räume drängten die Gäste. Es wurde getanzt, gelacht und viel getrunken. Alle hatten beste Laune. Außer Emilia. Wütend stand sie an der Spülmaschine. Warum musste sie die bescheuerten, neuen Klamotten anziehen? Rausgeschmissenes Geld, da hätte sie die Scheine auch gleich verbrennen können. Noah war es scheißegal, dass sie hier war. Der Arsch kam nicht mal, um sie zu begrüßen. Sie hatte auf Noah gewartet, war gespannt, wie er auf ihr neues Äußeres reagieren würde. Und? Nichts geschah.
Scheiße. Scheiße. Scheiße. Sie stampfte mit dem Fuß auf.
Paul und Jonas hatten wenigstens anerkennend gepfiffen. Aron hatte ihr sogar ins Ohr geflüstert, dass sie heiß aussehe und wenn er nicht mit Lilly zusammen wäre, er voll auf sie abfahren würde. Das war so süß von ihm. Emilia seufzte.
Aber wo war Noah? Seit mindestens eine Stunde schaute sie aus dem Augenwinkel zum Barbereich.
Endlich kam er in die Küche. Er stutzte, als sein Blick auf Emilia fiel. Ihr Herz wummerte, während seine Augen über ihren Körper wanderten.
»Du siehst Ha …« Er brach ab, schluckte und räusperte sich, bevor er mit scharfer Stimme fortfuhr: »Wieso hast du solche unmöglichen Klamotten während der Arbeit an? Kannst du überhaupt mit den Absätzen noch stehen? Die Nacht wird lang, da nehme ich keine Rücksicht auf deine schmerzenden Füße. Jammere bloß nicht rum!«
Emilia wusste nicht, wie ihr geschah.
Nein. Nein. Nein. So war das nicht geplant!
Mit allen Reaktionen hatte sie gerechnet, aber nicht mit dieser harten Abfuhr. Doch langsam wurde sie sauer, aber auch so was von sauer …
»Keine Sorge, die Pumps sind bequem, ich kann wunderbar in ihnen laufen.« Emilia funkelte Noah an, drehte ihm schließlich bewusst den Rücken zu. Der Idiot konnte sie mal!
»Besser ist.« Hörte sie ihn hinter sich sagen, dann verzog er sich mit einem gezischten Spruch, den sie nicht verstand, aus der Küche.
In Emilias Bauch brannte der Zorn. Sie musste tief durchatmen, damit sie sich beruhigen konnte. Langsam funktionierte es.
Einige Minuten später kam Jonas zu Emilia. Er lächelte sanft. »Ich hab ihn gehört. Aber, Emmi, mach dir nichts aus Noahs Gelaber. Du siehst toll aus, und wenn du Lust hast, bleiben wir nach der Arbeit hier und tanzen den Wochenstress aus den Beinen.« Jonas war wie Emilia bis zwei Uhr für den Dienst eingeteilt, der Club hatte bis open end geöffnet.
Emilia dachte noch bei sich, dass es das Klügste wäre, sie würde gleich nach Schichtende verschwinden, aber der Vorschlag von Jonas klang nicht schlecht. Warum sollte sie auf ihren Spaß verzichten? Nur wegen Noahs bescheuerten Kommentaren, weil er nicht kapierte, dass sie sich nur für ihn hübsch gemacht hatte?
»Gute Idee«, stimmte Emilia zu. »Ist schon eine Weile her, dass ich tanzen war.«
Jonas zwinkerte und hob den Daumen. »Dann erst recht. Bis nachher!«
Obwohl Emilia mächtig stinkig auf Noah war, freute sie sich auf die Nacht. Sie schaute zu Brandes, der sie mit schmalen Augen musterte.
»Waaas?«, blaffte sie ihn an. Wow, da war sie aber eben mutig gewesen. Hatte sie übertrieben? Dem Küchentyrannen war die Kinnlade runtergeklappt. Schnaufend wandte er sich ab und streute Kräuter auf zwei Salatteller. Tatsache. Noah hatte sein Versprechen wahr gemacht und mit dem fetten Arschloch gesprochen. Emilia konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Na gut, dann war Noah ein halber Idiot. Obwohl … Fuck, nein, er war zu drei Viertel ein Idiot. Und natürlich ein dämlicher, arroganter Macho!

***

»Das war eine super Idee, dass wir noch bleiben«, rief Emilia freudig Jonas zu und schwang begeistert die Hüften. Sie tanzte unglaublich gern, ging aber viel zu selten aus. Wenn Lilly sie das nächste Mal fragen würde, ob sie gemeinsam um die Häuser ziehen wollten, dann würde Emilia zustimmen. Oder sie könnte selbst ihrer Freundin vorschlagen, tanzen zu gehen. Warum eigentlich nicht?
Jonas nahm Emilias Handgelenk und zog sie an sich ran. »Komm, lass uns noch etwas an der Bar trinken«, brüllte er ihr ins Ohr.
Emilia strahlte mit heftigem Nicken. »Auf alle Fälle. Ich mag noch einen Campari O. Das Zeug schmeckt so gut.« Gemeinsam quetschten sie sich durch die Menschenmenge, und Emilia merkte, wie sie im Takt der Musik den Kopf hin und her wiegte. Der Alkohol, der sich schon mit ihrem Blut vermischt hatte, machte sie wie eine Feder schwebend. Alles war lustig und unkompliziert, Noah weit weg.
Nachdem sie sich noch einen Drink genehmigt und ein paar weitere Runden getanzt hatten, spürte Emilia eine leichte Erschöpfung in ihren Beinen. Ein flaues Gefühl machte sich in ihrem Magen breit und ihr wurde schwindlig. Auch Jonas schien geschafft zu sein. Er gähnte mit aufgerissenem Mund. »Wollen wir aufbrechen? Ich würde dich nach Hause bringen, damit du nicht die Nacht alleine unterwegs bist.« Emilia schüttelte den Kopf. »Nein, ich bleibe noch. Aron nimmt mich nachher mit seinem Auto mit, hatte er mir angeboten. Am besten hole ich mir ein stilles Wasser und setze mich in eine Ecke.«
»Okay, dann fahre ich allein, wenn du nicht mitkommen willst. Ich kann echt nicht mehr bleiben, das wird mir jetzt zu anstrengend. Gute Nacht, Emmi.«
»Keine Sorge, fahr nach Hause und schlaf gut«, erwiderte Emilia. Jonas lächelte und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Mühsam drängelte er sich Richtung Ausgang.
Emilia sah ihm hinterher. Er überragte die meisten Gäste, war fast so groß wie Noah, dass sie ihm noch einen Moment im Blick behalten konnte. Ein letztes Mal drehte er sich um, winkte ihr zu, dann war er verschwunden.
Als sie alleine war, musste sie wieder an Noah denken. Vielleicht sollte sie ihn suchen? Er war wie vom Erdboden verschwunden. Ob er eine der herumlungernden Schlampen abgeschleppt hatte? Eigentlich hätte sie es sehen müssen, wenn es so gewesen wäre. Wo steckte Noah? Ein schmerzhaftes Gefühl der Sehnsucht machte sich in ihr breit, angefeuert vom vielen Alkohol. Wehe, du läufst ihm nach!, schimpfte ihr Hirn. »Klappe, Hirn, ich bestimme! Und ich sage dir, du dämliche Spaßbremse, ich gehe ihn jetzt suchen.« So, das musste geklärt werden, damit ihre innere Stimme endlich mal richtig Zunder vom Ego bekam.
Was guckte der Typ neben ihr so doof? Shit, da hatte sie wohl laut mit ihrem Hirn gesprochen. Der Kerl dachte bestimmt, sie sei betrunken. War sie es? Mal testen, ob sie noch zählen konnte? Emilia zappelte mit der rechten Hand vor ihrem Gesicht herum und kniff angestrengt die Augen zusammen. Ein, zwei, drei, vier, fünf. Fünf Finger konnte sie zählen. Eindeutig der Beweis, dass sie noch alle Sinne beieinanderhatte. Also, los geht’s, Mission Noah erfüllen!
Während die Musik durch die Räume dröhnte, gemischt mit Gelächter und Gespräche, tappte Emilia den Flur entlang, die Tür zu Noahs privatem Bereich in Sicht. Eigentlich durfte niemand ohne Erlaubnis dorthin, aber das war ihr im Augenblick egal. Ihr Körper trieb sie voran. Überraschenderweise war die Tür nicht verschlossen, sodass sie den abgetrennten Gang betreten konnte. Langsam zog sie die Tür hinter sich zu. Es war stockduster. Ihre Hand tastete an der Wand entlang, bis sie den Lichtschalter gefunden hatte. Sie betätigte ihn und blinzelte bei der plötzlichen Helligkeit. Es schnürte ihr die Kehle vor Aufregung zu, als sie bemerkte, dass Noahs Arbeitszimmer nicht verschlossen war. Zitternd öffnete sie die Tür und trat ein. »Noah, bist du da?« Keine Antwort.
Emilia knipste die Stehlampe an und sah sich mit offenem Mund um. Das sah hier fast wie eine hübsche Wohnung aus, trotz des Schreibtischs und der vielen Ordner im Wandregal. Eine kuschelige Couch lud zum Fläzen ein, auf dem niedrigen Tisch lag eine Packung Trüffelpralinen, zwei Gläser und eine Flasche Rotwein standen dazu.
Aber was war da im Nachbarraum mit riesigen Kissen dekoriert … Holy Shit, für was brauchte er hier dieses monstergroße Doppelbett?
»Sag mal, spinnst du?«, brüllte eine Stimme hinter ihr. Emilia fuhr herum, sah in Noahs Gesicht. Er stand im Türrahmen und starrte sie wütend an. Hinter ihm röchelte ein blutüberströmter Mann, gehalten von Aron. Der misshandelte Typ konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Wenn Lillys Freund ihn loslassen würde, klappte der Kerl zusammen. Aron sah nicht weniger wütend aus. »Emmi? Was tust du hier?«, fauchte er.
»Entschuldigt, ich … Ich weiß nicht«, flüsterte sie eingeschüchtert. Noah trat zwei Schritte auf sie zu. Emilias Blick schweifte zu seinen Händen. Die Haut über den Knöcheln war aufgeplatzt, die Finger blutig. Aufkeuchend wich sie zurück. »Ich hätte nicht hier sein dürfen. Es tut mit leid.« Sie schluckte, spürte ihr Herz bis zum Hals pochen. In diesem Moment bekam sie fürchterliche Angst vor Noah. War der Mann, der ihr schlaflose Nächte bereitete, ein brutaler Schläger?
Emilia wollte schnell weg; panisch schaute sie sich um. Noah schien ihre Angst zu erkennen. Er versperrte ihr mit seinem breiten Rücken die Sicht, damit sie das stöhnende Elend hinter ihm nicht sehen konnte. »Scheiße, Emmi, du missverstehst die Situation«, sagte er auf einmal sanft.
»Was soll ich hier nicht verstehen? Du hast den Mann verprügelt«, herrschte sie ihn an, bemüht um eine feste Stimme. Es gelang ihr, Noah zuckte zusammen, und ein Schrecken jagte über sein Gesicht. »Emmi, bitte, hör zu.«
»Nenn mich nicht Emmi!«
Emilia schielte zum Türrahmen. Genügend Platz, um an Aron und dem verletzten Kerl vorbeizukommen. Doch bevor sie aus dem Zimmer flüchten konnte, packte Noah ihren Arm. »Aron«, sagte er mit Blick hinter sich. »Bring das Schwein über den Fluchtweg raus, verpass ihm einen Tritt mit Gruß von mir und dann mach Feierabend. Ich muss mit Emilia reden. Und ich sorge auch dafür, dass sie unbeschadet nach Hause kommt.« Er sagte die Worte im ruhigen Ton, umklammerte aber weiterhin Emilias Arm. Der Griff schmerzte, Emilia wimmerte, aber das schien ihm gleichgültig zu sein.
»Alle klar, Noah«, erwiderte Aron und zog den blutenden Kerl aus Emilias Sichtfeld. Sie hörte schlurfende Schritte, die sich entfernten, eine Metalltür quietschte, knallte zu. Emilia zuckte zusammen. Dann war es unheimlich still.
Unsicher sah sie zu den Mann auf, der ihr so viel bedeutete, den sie heimlich bewunderte. In ihren Augen war er vor wenigen Minuten noch schön und stark. Doch nun fragte sie sich, wer sich hinter dieser attraktiven Hülle verbarg.

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Kapitel 7 - Emilia

Vor der kleinen Kneipe fanden sie einen Parkplatz neben einem roten BMW, der Emilia bekannt vorkam. Als sie ausgestiegen waren, betrachtete Aron mit gerunzelter Stirn den sportlichen Wagen. »Wusste nicht, dass Marc diesen Laden kennt.«
»Marc, einer deiner beiden Chefs?«, fragte Lilly.
»Hm, genau der. Vielleicht ist er mit seiner Freundin hier.«
»Nicht Noah?«, fragte Emilia mit klopfendem Herzen.
Aron schüttelte den Kopf, schlang lächelnd seinen Arm um Lillys Taille, und sie drückte ihm einen Kuss auf den Mundwinkel, als sie sich an ihn schmiegte. »Noah findest du nur im Club. Er ist ein Arbeitstier. Manchmal macht er dort zur Abwechslung mit irgendwelchen Weibern rum, sonst ist er eher in seiner Villa anzutreffen, wenn er nicht mit seiner Surfertruppe durch die Welt reist … Denk ich mir jedenfalls so.«
Wie Aron über Noahs Sexleben sprach, versetzte Emilia einen Stich ins Herz. Noahs Ruf war nicht besonders gut, und sie musste sich nun in die Schlange der Frauen einreihen, die mit ihm rumgemacht hatten. Toll gemacht, Emilia! »Wo wohnt Noah eigentlich?«, fragte Lilly.
»Keine Ahnung« Aron zuckte die Achseln. »Da macht er ein Geheimnis draus. Nur Marc weiß es.«
»Vielleicht ist er doch verheiratet und niemand soll es wissen«, warf Jannik ein. »Nee, Noah ist kein Beziehungstyp. Auf Kuscheln, Dates und dergleichen hat er keinen Bock.«
»Ach echt? Na, da habe ich Glück, dass seine Einstellung nicht auf dich abgefärbt hat«, scherzte Lilly und kniff ihrem Freund in die Wange.
Arbeitstier, macht manchmal mit irgendwelchen Weibern rum. Arons locker dahergeredeten Worte hatten wie Ohrfeigen auf Emilias Wangen geklatscht und taten fürchterlich weh. Ihre Kehle war schlagartig wie zugeschnürt und Tränen drängten sich in ihre Augen. Krampfhaft starrte sie auf den BMW, um sich zu fangen. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie Janniks besorgte Miene. Er trat dicht neben sie, legte seinen Arm um ihre Schultern und neigte sein Gesicht zu ihrem Ohr. »Vergiss den Arsch, er ist es nicht wert«, raunte er Emilia zu und strich mit dem Daumen über ihren Hals. »Sei froh, dass er nichts von dir will. Du solltest mehr für ein Mann sein als eine billige Abschleppnummer.«
Emilia mochte darauf nichts erwidern. Wenn du wüsstest, was ich mit Noah längst getrieben habe. Ich war bereits eine der billigen Abschleppnummern, dachte sie, aber das Eingeständnis behielt sie lieber für sich.
Emilia erzählte ihrem engsten Freund sonst alles, aber die Nacht mit Noah war da viel zu peinlich, und nun schämte sie sich für ihr einfältiges Verhalten. Sie hatte tatsächlich geglaubt, da wäre was zwischen ihnen, dass sie Noah etwas bedeutete. Aber nach der Abfuhr war sie mit der Realität und Noahs Gefühlskälte konfrontiert worden, schneller und härter, als sie es erwartet hätte.
»Genug über Noah gequatscht. Ich halte nichts von seiner Haltung gegenüber Frauen, aber ich kann mich nicht beklagen, er und Marc sind klasse Chefs«, sagte Aron und zog Lilly zur Kneipe. Er blickte kurz über die Schulter zu Emilia und Jannik, winkte ihnen zu. »Wo bleibt ihr? Wir müssen nicht länger in der Kälte rumstehen. Der ekelhafte Nieselregen hat auch schon wieder eingesetzt.«
Nachdem sie die Kneipe betreten hatten, blieb Emilia wie erstarrt stehen. Alles begann sich plötzlich um sie herum zu drehen, als ob sie in einem Karussell sitzen würde. Nein, das war zu viel für ihr wundes Herz.
Noah saß mit dem Rücken zu ihr gewandt am Tresen und schlabberte mit seiner Zunge hemmungslos an irgendeiner rothaarigen Schlampe herum. Nach gefühlten Minuten löste er sich von der Bitch und drehte sich Emilia zu. Ihre Blicke kreuzten sich und er grinste, als er bemerkte, wie sie geschockt zu ihm herübersah.
Emilia ballte die Hände an den Seiten zu Fäusten. Am liebsten würde sie dem Mistkerl die dunklen … Äh, Moment mal … Emilia schluckte, kniff dreimal die Augen zusammen. Holy Shit, der Typ hatte zwar schulterlange Haare, aber war nicht einen Hauch von Blond, also demzufolge konnte er nicht Noah sein. Und sie wollte sich schon auf den Typen stürzen, um ihm, so richtig gepfeffert, ihre kleine Faust ins Gesicht zu donnern. Danach wäre die Bitch an der Reihe gewesen, der hätte sie einen Büschel Haare vom Kopf gerissen und diese als Trophäe in ihr Wohnheimzimmer mitgenommen. Was für Gedanken sie bloß hatte, die waren einfach nur aggro. Emilia schüttelte über sich selbst den Kopf. Hatte sich Noahs Gesicht derart in ihr Hirn eingebrannt, dass sie hinter jedem knutschenden Kerl gleich ihn vermutete, dass sie wie auf Ecstasy halluzinierte?
»Erde an Emmi, Erde an Emmi.«
»Was?« Emilia wandte verwirrt sich der Stimme zu, die sie angesprochen hatte. »Ich glaube, ich sollte dich mal zu unserem Tisch bringen, bevor der Typ am Tresen eine richterliche Verfügung gegen dich erwirken will, weil er sich von deinen giftigen Blicken belästigt fühlt«, erklärte Jannik schmunzelnd, als er Emilia an die Hand nahm und zu einem hinteren Tisch führte, wo Aron und Lilly bereits saßen. Im Gegensatz zu Jannik hatte das Pärchen Emilias Aussetzer nicht mitbekommen, dafür waren ihre Münder zu intensiv miteinander beschäftigt.
»Was war eigentlich los mit dir. Kanntest du ihn oder die Rothaarige?«, fragte Jannik und ließ sich auf seinen Platz neben Emilia nieder.
»Ich weiß nicht, irgendwie hatte ich komische Gedanken, als ich ihn sah.«
»Komisch ist untertrieben, du hattest ihn voller Wut angesehen. Das war echt beängstigend. Aber egal. Schau die Leute an, wie du willst, solange ich nicht dein Opfer bin.« Jannik kicherte, und Emilia konnte über den flachen Witz nur mit den Augen rollen.
»Hi, ihr Hübschen, schön, dass ihr mal wieder hier seid«, grüßte Johanna, die Kneipenwirtin, die zwischenzeitlich an den Tisch getreten war. Mit gerümpfter Nase verpasste sie erst Aron, dann Lilly einen leichten Klaps auf den Hinterkopf. »Ein bisschen mehr Anstand in meinem gesitteten Etablissement«, blaffte sie mit scherzhaftem Unterton.
Aron hob den Mittelfinger als Antwort, dann löste er sich von Lillys Lippen. »Du bist ja nur neidisch, Johanna, weil ich dich nicht küsse«, flachste er.
»Sicher doch, mein Junge. Sucht euch mal lieber einen ruhigen Ort, ohne Zuschauer«, neckte die Wirtin mit breitem Grinsen und reichte ihnen vier Getränkekarten.
»Na ja, viel los ist heute nicht bei dir«, konterte Aron, nachdem er sich demonstrativ umgeschaut hatte. »Spaß beiseite, was wollt ihr trinken?«
Emilia und Lilly bestellten zwei Gin Tonic, Jannik einen Wodka Energie und Aron einen Pott Kaffee. Er zwinkerte Lilly zu. »Oder fährst du nachher den Golf, damit ich was Alkoholisches trinken kann?«
»Vergiss es«, erwiderte Lilly und tippte sich an die Stirn. »Du hast sowieso heute noch ab 22 Uhr eine Schicht im Club.«
Kurze Zeit später, Emilia nippte an ihrem Drink und angelte sich mit der Zunge einen Eiswürfel raus, tauchten zwei Männer an ihren Tisch auf. Emilia verschluckte sich vor Schreck und spuckte das Eis in das Glas zurück. Marc und Noah standen vor ihnen.
»Wusste ich’s doch«, rief Aron erfreut, erhob sich und begrüßte seine und Emilias Chefs mit Handschlag. »Wir haben deinen roten BMW auf dem Parkplatz stehen sehen, aber niemanden in der Kneipe entdeckt«, sagte er an Marc gewandt. »Noah musste noch telefonieren, deshalb kamen wir erst jetzt herein.«
Aron zeigte auf Lilly und Jannik. »Darf ich vorstellen, meine Freundin Lilly und Jannik, ein Freund. Und Emilia, kennt ihr.«
Marc schmunzelte, blickte zwischen Jannik und Emilia hin und her. »Soso, ein Freund.«
Emilia schaute zu Noah hoch, der mit unbewegter Miene die Gruppe musterte; Jannik beäugte er besonders gründlich. Schließlich nickte Noah allen zu, wandte sich ab und begab sich ohne einen Kommentar an einen freien Tisch hinter ihnen, dass Emilia ihn im Blick behielt. Seine kühle Distanz traf sie sehr und verunsicherte sie. Machen wir aus der Sache lieber kein großes Drama, schossen ihr seine Worte in den Kopf. Klar doch, eine unbedeutende Episode, mehr war ich für ihn nicht.
Wenn es nach Emilia gegangen wäre, würde sie sofort die Kneipe verlassen, um Noah nicht mehr sehen zu müssen. Aber mit welcher Begründung? Sie kaute nervös auf der Unterlippe, überlegte, ob sie so tun sollte, dass Jannik nicht nur ein gemeinsamer Freund wäre.
Als Marc gegenüber von Noah seinen Platz eingenommen hatte, schaute Emilia mehrmals kurz zu Noah herüber, doch der hatte keinen Blick für sie übrig, trank in Ruhe ein Bier und tippte auf seinem Handy herum. Sie war ihm gleichgültig, eindeutig. Nun gut, dann sollte er aber nicht glauben, sie trauerte ihm hinterher. »Und, Jannik, wollen wir beide heute noch ins Kino gehen?«, fragte Emilia mit kräftiger Stimme.
Damit Jannik nicht falsch reagierte, stieß sie ihm mit dem Fuß unter dem Tisch gegen das Bein und warf ihm einen beschwörenden Blick zu. Jannik grinste wissend. »Super, Emmi, ich freu mich, mit dir ein paar Stunden allein zu sein.«
»Was labert ihr denn für Müll?«, zischte Lilly über den Tisch. »Gemeinsam ein paar Stunden verbringen … Als ob ihr was miteinander hättet.«
Emilia rieb nervös ihre Handflächen über die Oberschenkel. Lilly war ihre Freundin, aber über Liebesdinge sprach sie nur mit Jannik. Er war wie eine verwandte Seele, und auch er gab seine Geheimnisse nur an Emilia und Till weiter. Beide wussten, dass Lilly alles für ihre Freunde tun würde, doch war sie Aron gegenüber zu gesprächig, da wollte Emilia kein Risiko eingehen. Ihre Gefühle mussten unter Verschluss bleiben, damit es zu keinem Getratsche im Club kommen könnte. Jannik winkte ab. »Ist ein kleines Spaßding zwischen Emmi und mir.«
»So ist es«, bestätigte Emilia, nippte vom Gin Tonic und rang sich mühsam ein Lächeln von den Lippen. Irgendwie wurde sie mit jedem Schluck Alkohol trauriger. Diese Kinosache war lächerlich gewesen, als ob Noah das eifersüchtig machen würde. Vermutlich hatte er ihr Vorhaben durchschaut und hielt sie jetzt für eine dumme Kuh.
Emilia schluckte schwer und merkte, dass sie gegen ihre aufsteigenden Tränen nicht mehr ankämpfen konnte. »Ich muss mal die Toilette aufsuchen«, murmelte sie und zwang sich vom Stuhl hoch. Als sie an Noah vorbeiging, spürte sie seinen Blick auf sich ruhen, aber sie traute sich nicht, ihn anzusehen.
Auf der Toilette stützte sie sich am Waschbecken ab und bemühte sich um ruhigem Atem. Die Tränen waren abgewischt und das Gesicht hatte sie mit Wasser gekühlt. Plötzlich ging die Tür auf und Emilia schrak zusammen.
Noah.
»Was hast du auf der Damentoilette zu suchen?«, schimpfte sie, nachdem er eingetreten war. Mit großen Augen verfolgte sie Noahs Hand, die den Schlüssel im Schloss drehte. »Du schließt uns hier ein?«
Emilia wurde schlagartig heiß, ihre Wangen begannen zu glühen, als Noah sie mit undurchdringlicher Miene ansah, sein intensiver Blick aus blauen Augen sich bis in ihr Herz bohrte. Was zum Teufel will er von mir?
»Wieso versuchst du, mich mit diesem kleinen Jungen eifersüchtig zu machen?« Wütend funkelte er sie an. Die Art, wie er mit ihr sprach, machte Emilia Angst, aber gleichzeitig spürte sie ein verlangendes Brennen im Unterleib. Sie musste den Mann so schnell wie möglich loswerden, bevor ihr Slip feucht wurde.
»Noah, verschwinde. Das ist eine Damentoilette!«
»Oh, schau an, hier spielt sich jemand als Dame auf!«, zischte er Emilia zu. Wieso macht er sich über mich lustig, hatten die Demütigungen von Freitagnacht nicht gereicht? »Ich spiele mich nicht als Dame auf, aber ich kann deine Nähe nicht ertragen. Kapierst du das nicht?«, fauchte Emilia ihn an und versuchte, sich an Noah vorbeizudrängen, aber er versperrte ihr die Tür.
»Lass mich raus, Noah!«
«Nein, du wirst mit mir jetzt reden!«, befahl er.
»Ich habe dir nichts zu sagen.« Emilia schubste Noah gegen die Tür. »Such dir in der Kneipe eine Schlampe, aber hau ab! Mich bekommst du nicht ein zweites Mal auf deinen Schoß!«
»So nicht, Mädchen. Ich will keine andere Frau, ich will dich!«, kam die wütende Antwort von Noah. Mit einem Schritt kam er näher, drängte sie mit seinem muskulösen Körper gegen die Wand, dass sie die kühlen Fliesen im Rücken spürte. Er packte ihre Handgelenke, drückte sie über ihren Kopf gegen die Fliesen und hielt sie mit den langen Fingern seiner Hand gefangen.
»Noah, lass mich gehen, bitte!«, flehte Emilia.
»Ich kann nicht«, flüsterte Noah. »Alles, woran ich denken kann, bist du.« Er atmete schwer, seine Pupillen waren geweitet, als er sein Gesicht zu Emilia neigte. Zärtlich strichen seine Fingerspitzen über ihre Wange, hinunter zu ihrem Hals. Sekunden vergingen, die sie sich sehnsüchtig in die Augen blickten, und dann berührten sich ihre Lippen. Noahs Zunge streifte über Emilias Unterlippe, bevor sie in ihren geöffneten Mund glitt. Sanft küssten sie sich, spielten ihre Zungen miteinander, streichelten und umkreisten sich.
Als Noah ihre Hände freigab, griff Emilia in seine Haare und zog seinen Kopf dichter zu sich heran. Ihr Kuss wurde heißer, fordernder und entfachte in ihren Körpern lodernde Flammen.
Emilia spürte Noahs Hände, die von ihren Schultern über ihre Brüste strichen, weiter an ihren Seiten hinunter wanderten. Mit dem linken Arm umschlang er ihre Taille und legte die Hand an ihren Rücken. Die andere Hand schob er zwischen ihre Beine und ließ seine Finger über ihren Schritt kreisen.
Noah löst sich von ihren Lippen und blickte Emilia in die Augen. »Magst du es, dort berührt zu werden?«
Emilia stockte kurz der Atem. Noch nie hatte ein Mann sie gefragt, was sie sich beim Sex wünschte. »J-ja«, flüsterte sie und blinzelte nervös.
»Und, Emilia …«, Noah suchte ihren Mund, zog einmal mit den Zähnen vorsichtig an ihrer Unterlippe, »… willst du mehr?«
Sie zögerte. »Ja«, war wieder alles, was sie herausbrachte. Noah lachte leise, drückte seinen Daumen durch den Stoff gegen ihre Scham. »Soll ich dich mit meinen Fingern kommen lassen?« Seine Stimme klang jetzt heiser und ließ Emilia erschaudern. Die Vorstellung, er würde weiter gehen, klang so erregend, dass sie nur stumm nicken konnte. Dieser Mann dürfte alles mit ihr machen, so sehr wollte sie ihn.
Noah hielt ihren Blick gefangen, als er ihre Hose öffnete und seine Hand unter ihren Slip schob.
Während seine Finger durch ihre Nässe fuhren, zog er zischend die Luft ein. »Fuck, Emilia, so feucht. Und nur für mich.«, flüsterte er. Sein Blick war wild, als seine Lippen sich wieder auf ihre pressten, bevor sie etwas erwidern konnte. Emilia stöhnte auf und verdrehte die Augen, als Noah einen Finger über ihre Klitoris rieb. Keuchend stieß sie den Atem aus, der süße Schmerz war überwältigend. Ihr Unterleib krampfte, und sie wand sich unter seinem geschickten Finger, als er noch intensiver über ihre empfindliche Stelle streichelte, sie mit kreisenden Bewegungen reizte.
Wie ist es möglich, dass er mir mit einem Finger so viel Lust schenken kann?, dachte sie wimmernd und schob Noah ihre Hüften entgegen. »Mehr, Noah, mehr!«, stöhnte sie, krallte sich noch fester in seine Haare.
Noah presste seine Hand auf Emilias Scham, jagte mit festem Druck seinen Finger über ihre Klitoris. »Komm, Emilia, komm, stöhne meinen Namen, sag, wie gut ich es dir besorge«, keuchte er an ihrem Mund, leckte über ihre Lippen.
Emilia kniff die Augen zusammen, legte ihren Kopf in den Nacken. »No-ah, das ist …«, mehr brachte sie nicht heraus. Sie war wie weggetreten, jede Zelle in ihr war auf Noahs Finger fixiert, während sie die Kontrolle verlor. Es fühlte sich unglaublich an. »Ein irres Gefühl, ich weiß«, antwortete er für Emilia und lachte leise an ihrer Halsbeuge, saugte und knabberte an ihrer Haut.
Ohne Vorwarnung fühlte Emilia plötzlich zwei Finger, die tief in ihr eindrangen. Stöhnend riss sie den Kopf hoch. »Fuck, Noah, was tust du?«, keuchte sie, biss ihn in die Schulter, um nicht zu schreien, als er die gekrümmten Finger langsam hinein- und hinausschob, mit dem Daumen weiter über ihre empfindliche Stelle rieb. Emilias Beine begannen zu zittern, in ihrer Mitte kribbelte die Lust, während Noah sie weiter verwöhnte. Für einen kurzen Moment hielt er inne, und Emilia wimmerte frustriert auf.
»Emilia, ich beende die süße Qual und lass dich jetzt kommen.«, flüsterte er und erhielt als Antwort ein unwilliges Knurren. »Nein, noch nicht, es fühlt sich so … so gut an«, keuchte Emilia. Als er nichts sagte, öffnete sie die Augen, sah ihm ins Gesicht, und ihr Herz erwärmte sich.
Noah sah unglaublich aus, während er sich ihrer Lust widmete. Die Unterlippe hatte er zwischen den Zähnen vergraben, seine Wangen glühten und seine Augen glänzten, so sehr schien er ihren Anblick zu genießen.
Als seine Finger immer fordernder in Emilia stießen, gab sie nur noch abgehakte Laute von sich. Er musste ihren Körper halten, als ihre zitternden Beine nachgaben. Nach dem Höhepunkt dieses wunderbaren Glücksgefühls löste Emilia ihre Finger aus Noahs Haar, und ein letztes Mal stöhnte sie seinen Namen, bevor ihr Kopf an seine Brust sank.
Langsam zog Noah seine Hand aus ihr heraus und lächelte. »Es war unglaublich, wie du auf mich reagiert hast. Einfach der Wahnsinn.«
Emilia nickte. Ja, es war der Wahnsinn und ich will das Gleiche für dich tun, und ich hoffe, du willst es auch, dachte sie, sagte aber: »Ja, es war schön.« Emilia fühlte sich unsicher. Noah hatte sie in einem sehr intimen Moment erlebt, wie noch kein Mann vor ihm. Es machte sie glücklich, aber gleichzeitig fühlte es sich fremd an. Habe ich ihn zu tief in mein Inneres blicken lassen?, fragte sie sich.
Noah half Emilia, sich auf den Boden zu setzen, damit sie sich von dem Erlebnis erholen konnte. Es dauerte einen Moment, bis sich ihr Atem beruhigt hatte und ihre Beine aufhörten, zu zittern.
Emilia hob den Kopf, sah zu Noah auf, als er sich die Hände mit Seife wusch und mit einem Papiertuch abtrocknete. Er zog noch drei Tücher aus dem Spender und reichte sie ihr. »Du musst dich noch säubern.«
Emilia stieg die Röte ins Gesicht, als sie die Spuren zwischen ihren Beinen beseitigte. Sobald sie trocken war, zog sie den Reißverschluss hoch und schloss den Knopf ihrer Jeans. Noah nahm ihr die geknüllten Tücher ab und entsorgte sie im Abfalleimer. Ein beklemmendes Gefühl fühlte Emilia in ihrer Brust. Sie schämte sich plötzlich, dass sie ihn so nah an sich herangelassen hatte und er das mit ihr machen durfte.
Gab es noch etwas Peinlicheres, als sich mit einer Hand auf einer Kneipentoilette ficken zu lassen und es trotzdem genossen zu haben?
Noah hockte sich zu Emilia und strich ihr eine Strähne aus dem noch geröteten Gesicht. »Alles in Ordnung?«
»Ich weiß nicht. Was wir getan haben, hat mir gefallen, aber ich verachte mich gleichzeitig dafür.«
Noah hob überrascht eine Augenbraue. »Wieso das denn?«
»Weil … » O Gott, wie soll ich ihm meine Gefühle erklären, ohne ihn zu verschrecken? Aron hatte gesagt, Noah würde Dates ablehnen, keine Beziehung wollen. Dabei würde Emilia ihn zu gern wiedersehen, Zeit mit ihm verbringen, aber nicht nur, um Sex mit ihm zu haben. Und wenn Sex, dann an Orten, wo sie sich geschützt fühlte. Was wäre gewesen, jemand hätte sie in dieser Situation erwischt? Emilia räusperte sich, nahm ihren ganzen Mut zusammen, um ihm gegenüber ihre Gedanken zu äußern. »Noah, ich will nicht nur ein schneller Fick auf einer Toilette für dich sein. Ich möchte … Also ich wünsche mir, dass wir uns treffen, aber nicht nur, um miteinander zu vögeln oder rumzumachen … Natürlich auch dafür … Es geht mir um mehr als das, was wir hier gemacht haben.«
Noah nickte stumm, beugte sich zu Emilia und drückte ihr einen kleinen Kuss auf den Mund. Nachdenklich rieb er sich über das Kinn; leise kratzten seine hellen Bartstoppeln. Nach einem längeren Moment des Schweigens holte er tief Luft. »Okay, Emilia. Hast du heute noch was vor?«
Emilia fehlten die Worte. Der Vorschlag von Noah kam überraschend. »Ja … Äh, nein. Ich meine, ich hab noch Zeit.« Sie lächelte erleichtert.
»Gut, ich muss noch kurz telefonieren und mir von Marc das Auto borgen. Wir könnten gemeinsam ein Restaurant besuchen, wenn du Hunger hast.« »Obwohl …«, um Noahs Mundwinkel zuckte ein Lächeln, »… der Kinobesuch mit deinem Freund, Jannik heißt er, wenn ich mich richtig erinnere. Du musst ihn noch absagen.«
»Du bist ein Spinner.«
»Findest du?« An Noahs Lächeln konnte Emilia erkennen, dass er sie foppen wollte, um sie wegen der Flunkerei ein wenig verlegen zu machen. Vermutlich war er wirklich eifersüchtig gewesen, sonst hätte er das nicht noch einmal aufgeworfen. Emilia betrachtete Noah, seine markanten Gesichtszüge, das glänzende blonde Haar, die leuchtend blauen Augen. Er hatte so ein schönes Gesicht, war der attraktivste Mann, den sie kannte. Und er wollte Sie daten. Emilia konnte sich nicht erinnern, wann sie jemals solch ein Glücksgefühl gespürt hatte. Noah spielte nicht mit ihr, nutzte sie nicht aus. Nein, es hatte tatsächlich den Anschein, dass er sie mochte, Zeit mit ihr verbringen wollte. Und dieses Wissen war wie ein kleiner Hormonrausch.
Noah stand auf, reichte Emilia die Hand, um ihr hochzuhelfen. Er schlang den Arm um ihre Hüfte, um sie für einen Kuss an sich zu ziehen, als sie hörten, wie an der Tür gerüttelt wurde.
»Emilia, bist du auf dem Klo, alles in Ordnung mit dir?«
Scheiße, Lilly.
Erschrocken schob Emilia Noahs Arm von ihrem Körper. »Ja, ich komm gleich.«
»Du bist seit mindestens 15 Minuten da drin.«
»Ja, ich …« Shit, was sollte sie sagen? »Ich habe Durchfall.«
»Oh!« Stille vor der Tür.
Noah klappte der Mund auf. Er biss sich in die Faust, um nicht lautstark zu lachen, und sank auf den Boden. Tonlos formte er mit dem Mund: Du nennst deinen Orgasmus Durchfall?
Emilia verkniff sich ein Kichern und winkte ab. »Du, Lilly, ich komm gleich, bitte warte am Tisch.«
»Ja klar, dann zahlen wir schon mal. Aron muss sich beeilen. Du weißt doch, er hat noch seine Schicht im Club.«
Emilia lauschte, bis Lillys Schritte nicht mehr zu hören waren.
Als es ruhig war, konnte Noah sich nicht mehr zurückhalten. Er lachte beim Aufstehen und wischte sich die Tränen vom Gesicht. »Entschuldige, Emmi, aber dass eine Frau meine Fähigkeiten als Durchfall bezeichnet, das habe ich noch nie erlebt.«
»Ja, was hätte ich denn sonst sagen sollen?« Emilia schloss die Tür auf und warf einen fragenden Blick über die Schulter. »Besseren Vorschlag?«
»Keine Ahnung, war auf alle Fälle eine schlagfertige Antwort.«
Emilia ging als Erste in den Kneipenraum zurück. Zwei, drei Minuten später folgte Noah mit dem Handy am Ohr.

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Kapitel 9 - Emilia

Das Hemd klebte an Janniks Brust, war von Emilias Tränen nass. »Es tut mir schrecklich leid, dass der Abend solch ein Fiasko war«, flüsterte er leise und strich besänftigend über Emilias Haar.
»Kannst du dir vorstellen, wie … » Emilia schnaubte kräftig ins Taschentuch, rieb sich den Rotz von der Nase, bevor sie weiter sprach, »… wie demütigend das war?« »Doch, das kann ich.«
»Zwei lappige Stunden war ich ihm wert, und dann scheucht er mich aus dem Auto, obwohl es wie aus Kannen gegossen hat. Alles wegen diesem beschissenen Anruf. Aber das Schlimmste war …« Emilia stockte, zu peinlich war das Geständnis, das sie Jannik beichten wollte. »Ich … Ich weiß echt nicht, wie ich dir das sagen soll.«
»Du brauchst es mir nicht zu erzählen, wenn du nicht willst.«
»Doch, doch. Ich kann es nicht länger für mich behalten.« Emilia drückte sich noch enger an ihren Freund, schlang noch fester die Arme um seinen Nacken und legte den Kopf auf seine Schulter. »Am Freitag hatten wir das erste Mal miteinander rumgemacht. Am Sonntag hatte ich ihm auf Johannas Toilette erlaubt, mich zwischen den Beinen zu berühren, na ja, es war nicht nur ein bisschen fummeln.«
»Er hat … Nicht das, was ich denke.« Jannik holte tief Luft, umfasste Emilias Oberarme und schob sie ein Stück von sich, um ihr in die Augen zu sehen. Ein zaghaftes Nicken war ihre Antwort. Emilia nahm all ihren Mut zusammen, erzählte von ihren Treffen mit Noah, vermied es jedoch, zu sehr in die Details zu gehen. Jannik hörte ihr zu, ohne sie zu unterbrechen oder abfällig den Mund zu verziehen. Seine Miene war undurchdringlich.
Nachdem Emilia die Geschichte erzählt hatte, schüttelte er fassungslos den Kopf. »Mensch, Emilia, du schenkst ihm so viel Vertrauen und dann wirst du von diesem miesen Schwein derart fies abserviert.« Jannik atmete tief durch, bevor er fortfuhr: »Auch wenn es vielleicht kein Trost ist, aber Till und ich haben es auch schon an den verrücktesten Orten getrieben. Wenn man verliebt ist, dann macht man manchmal solche Sachen. Dafür musst du dich nicht schämen. Der Kerl bedeutet dir sehr viel, das habe ich gemerkt. Aber du bist zu gut für ihn. Wirklich, Emmi, versuch ernsthaft, über ihn hinwegzukommen. Lass dich bloß nicht mehr auf ihn ein. Er würde dir auch zukünftig wehtun.«
»Das ist mir klar geworden«, schluchzte Emilia und lehnte ihren Kopf an Janniks Brust. »Aber im Nachhinein fühle ich mich so schäbig wie benutzt und weggeworfen. Ich traue mich nicht in den Club, obwohl ich das Geld dringend brauche. Noah dort zu sehen, vielleicht noch mit irgendeiner Schlampe im Schlepptau, das ertrage ich im Moment nicht.«
Während Jannik Emilia im Arm hielt und wie ein Kind wiegte, klingelte es.
Behutsam löste er sich von Emilia, rutschte von der Matratze und ging die Tür öffnen.
»Hallo, Emmi«, sagte Lilly leise, als sie in das Zimmer trat. »Hast du schon ein paar Sachen gepackt?« Fragend blickte sie zu Jannik, der mit der Hand zum Rucksack zeigte, der an der Wand gelehnt stand. »Wir haben Waschzeug und ein paar Klamotten zusammengesucht. Ist ja nur eine Reise in ein höheres Stockwerk.« Schwerfällig kletterte Emilia vom Bett, begab sich auf Socken zur Tür und schlüpfte in ihre Turnschuhe. Jannik warf sich den Rucksack über die Schulter und Lilly Ewig stand Emilia unter der Dusche, schrubbte den Körper, bis die Haut glühte, doch das schmutzige Gefühl ließ sich nicht mit der Bürste abreiben. Sie wusste, dass die Scham in ihrem Kopf steckte, der Schmerz sich in jeder Zelle ihres Körpers eingenistet hatte.
Irgendwann war es sinnlos geworden, sich noch länger im Badezimmer zu verstecken. Emilia stellte das Wasser ab und stieg aus der Dusche. Nachdem sie sich abgetrocknet hatte, schlang sie ein Handtuch um den Körper und ging zu Lilly, die auf dem Sofa saß und in einer Zeitschrift blätterte.
»Die nächsten Tage kann ich im Club nicht arbeiten.« Emilia setzte sich neben Lilly und starrte zum Sideboard, wo ein eingerahmtes Foto stand. Ein verliebtes Pärchen lächelte in die Kamera, Lilly und Aron. Emilia seufzte. Solch ein Bild hätte sie sich mit Noah gewünscht.
»Ich hatte geahnt, dass du Noah sehr gemocht hast, Aron hatte es angedeutet. Aber dass ihr was am Laufen hattet, kam überraschend. Warum hast du nichts erzählt?« Behutsam strich Lilly mit der Hand über Emilias Arm.
»Aus deinem Mund klingt’s wie ein offenes Geheimnis, dabei habe ich es mir eine ganze Weile nicht einmal selbst eingestehen wollen, dass ich in ihn verliebt bin.« Emilia ließ sich zurückfallen und lehnte den Hinterkopf an die Rückenlehne. Alle haben es gewusst, und wenn sie Pech hatte, sprach es sich unter den Mitarbeitern herum, dass sie von Noah abserviert wurde. Wenn das geschehen sollte, müsste sie kündigen. Schon der Gedanke an den fetten Brandes verursachte ihr Gänsehaut. Der Kerl würde es auskosten, sie zu demütigen.
»Ich weiß, dass du mich für ziemlich verquatscht hältst, und da hast du vermutlich nicht Unrecht, aber was Noah gemacht hat, würde ich niemandem erzählen. Und du kannst davon ausgehen, dass auch Aron schweigt«, versicherte Lilly.
Emilia wandte ihrer Freundin das Gesicht zu und bemühte sich um ein kleines Lächeln. »Gut zu wissen, dass er verschwiegen ist.«
Lilly nahm sich ein Kissen auf den Schoß und verschränkte die Arme darauf. »Er findet sowieso, dass Noah sich selbst etwas vormacht, wenn er glaubt, Beziehungen sind eine lästige Angelegenheit. Aron meint, Noah muss noch die Richtige kennenlernen, dann würde er zur Besinnung kommen. Er soll tatsächlich mal anders gewesen sein. Dieser extreme Wandel ist wohl vor ungefähr zwei Jahren passiert. Da ist er aus seiner Wohnung in irgendeine Vorstadtvilla gezogen und hält seitdem sein Privatleben unter Verschluss.«
Emilia hatte still zugehört. Die Freundin wollte sie trösten, aber sie erreichte mit dem Gesagten das Gegenteil. Emilia hatte sich gewünscht, für Noah die Richtige zu sein. Ihre Augen waren vom vielen Weinen geschwollen und trocken. Sie glaubte, keine Tränen mehr herausbringen zu können, doch dann liefen sie ihr erneut über die Wangen.
Emilias Stimme war ein kaum zu vernehmendes Flüstern. »Warum kann ich nicht die Frau sein, mit der er eine Beziehung will. Es tut so schrecklich weh, dass er mich ablehnt.«
»Ich verstehe deinen Kummer, Emmi. Aber du wirst sehen, du kommst darüber hinweg. Vielleicht ist Noah der falsche Mann für dich. Aber ich bin davon überzeugt, dass du deinen Mister Right finden wirst, der genauso viel für dich empfindet wie du für ihn.« Lilly Worte waren mit Bedacht gewählt. Sie lächelte Emilia an, ihr Gesichtsausdruck strahlte Zuversicht und Fürsorge aus.
Als Emilia nickend die Tränen wegwischte, deutete Lilly mit dem Zeigefinger zum Bad. »Ich schlage vor, du föhnst dir die Haare, ziehst dir etwas Bequemes an und ich bestelle uns Pizza.«
Emilia verzog angewidert das Gesicht. »Bitte, Lilly, nichts vom Italiener.«
Die Freundin hatte schon das Handy in den Fingern, scrollte nach der Nummer der Stammpizzeria. Mit große Augen sah sie Emilia an und schlug sich die Hand vor den Mund. »O Mann, sorry, Emmi. Italienische Küche ist bei dir im Moment nicht besonders angesagt. Also lieber was vom Griechen?«
»Ja, Gyros mit Tsatsiki wäre okay.« Trotz des Schmerzes, der schwer in ihre Brust lastete, huschte über Emilias Gesicht ein kleines Lächeln. Sie wusste, der Liebeskummer würde noch andauern. Mit Jannik und Lilly an ihrer Seite würde sie ihn nicht morgen, in einer Woche oder in einem Monat überwinden, aber irgendwann. Und dann würde sie vielleicht diesem Mister Right begegnen, von dem ihre Freundin gesprochen hatte.

***

Emilia betrachtete seufzend ihr Gesicht. Sie sah grauenhaft aus. Ihre rot geäderten Augen starrten sie stumpf an, ihre Haare hingen ohne Glanz über den Schultern. Drei Tag waren seit dem missglückten Date vergangen. Aron hatte sie im Club für zwei Tage krank gemeldet, und Emilia dachte, Noah würde sich vielleicht melden und sich nach ihrem Befinden erkundigen. Blöder Gedanke. Welcher Chef würde bei den Mitarbeitern an, um wegen so was nachzufragen? Doch nur ein Kontrollfreak. Und wenn Noah etwas nicht war, dann ein gängelnder Chef.
In den ersten 24 Stunden, die Emilia bei Lilly wohnte, dachte sie, der Schmerz würde sie zerreißen. Sie hatte das Gefühl, die Zeiger der Uhr wären festgeklebt, so träge verging die Zeit. Emilia hatte an dem ersten Tag nach kurzer Überlegung beschlossen, Lilly alles zu erzählen. Sie wollte keine Geheimnisse mehr vor der Freundin haben. Lilly verdiente die gleiche Ehrlichkeit wie Jannik, denn in ihrer Not stand sie an ihrer Seite. Schweigend hatte Lilly zugehört, und noch nie waren sich die Freundinnen so nahe gewesen.
Am nächsten Tag hatte Emilia nichts als Wut gespürt, und heulend mit dem Kopfkissen auf das Bett eingedroschen, bis sie völlig verschwitzt und erschöpft war. Danach musste sie das Chaos beseitigen, dass die Federn hinterlassen hatten. Heute fühlte sie nichts als inneren Leere. Ob das ein gutes Zeichen war? Sie glaubte daran, weil der Schmerz in ihrem Körper nicht mehr so unerträglich brannte.
Vielleicht hatten ihre Tränen ihn gelöscht, dass die Leere seine Asche war.
Die Vorlesungen und Seminare waren eine willkommene Abwechslung gewesen, weil das Studium half, die Zeit zu vertreiben, damit sie nicht von früh bis spät mit ihrem Selbstmitleid beschäftigt war. Immerhin hatte sie sich eingestehen müssen, dass Noah nicht davon gesprochen hatte, mit ihr eine Beziehung führen zu wollen. Sie war für ihn lediglich ein witziger Zeitvertreib gewesen. Er hatte seinen sexuellen Spaß gehabt, aber genau das war es, was sie so schmerzhaft getroffen hatte.
Seit ihrer ersten Begegnung war sie in diesen Mann verliebt. Sie erinnerte sich. Es war am zweiten Arbeitstag im Club. Noah hatte sie nur kurz gegrüßt und ging danach mit Paul den Getränkestand an der Bar durch. Sie hatte Noah wie ein Groupie angestarrt. Er strahlte Souveränität und Kraft aus, und die Tattoos unterstrichen seine Attraktivität. Da er so abweisend gewesen war, hatte sie sich eingeredet, er sei ein arrogantes Arschloch und sie könnte ihn nicht leiden. Doch ihr Herz hatte vehement widersprochen, grätschte immer wieder dazwischen, wenn er in ihrer Nähe war.
Emilia rieb sich kopfschüttelnd über das Gesicht. Hätte sie sich im Club nicht auf die freie Stelle beworben, würde sie heute in diesem Dilemma nicht stecken. Sie traute sich nicht, Noah wiederzusehen, aber gleichzeitig benötigte sie den Verdienst, um die Miete für ihr Zimmer zu bezahlen. Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich zu zwingen, ihre heutige Schicht anzutreten. In zwei Stunden kam der Bus, der sie direkt zum Club bringen würde. Keine Zeit, um es sich anders zu überlegen.
Emilia nahm sich vor, besonders viel Zeit in ihr Äußeres zu investieren. Noah sollte bloß nicht denken, dass sie ihm hinterherjammern würde. Sorge, schief angesehen zu werden, brauchte sie nicht haben. Aron würde schweigen, hatte Lilly ihr versichert und Marc hielt sich generell aus Tratsch heraus.
Emilia entschied, sich etwas von Lillys Make-up aufzulegen, um die Blässe und Augenringe zu überschminken. Die Haare bekamen nach der Wäsche eine Glanzspülung und wurden mit einer großen Rundbürste in leichten Wellen geföhnt. Emilia marschierte die Treppe zu ihrem Zimmer hinab, wühlte dort im Kleiderschrank nach ein paar anständigen Klamotten. Sie wählte eine enge blaue Jeans und ein anthrazitfarbenes Langarmshirt mit passenden Sneakers für den Abend.
Ein abschließender Blick in den Spiegel ließ sie zufrieden lächeln. In Anbetracht dessen, dass sie fast drei Tage Trübsal geblasen hatte, war ihr Aussehen mehr als zufriedenstellend. So konnte sie im Club arbeiten, ohne komische Blicke und Gemurmel hinter ihrem Rücken befürchten zu müssen. Wegen Liebeskummer krank, sah sie nicht mehr aus. Ein Blick auf die Uhr verriet, in acht Minuten würde der Bus an der Haltestelle vor dem Wohnheim eintreffen.
Auf dem Weg zur Tür schnappte sie sich ihre Jacke und die Umhängetasche, steckte noch eine Packung Kaugummi ein. Ihr Atem sollte frisch wie ihre Erscheinung sein.

***

Auf dem Weg zur Haltestelle redete sich Emilia ein, dass es eine völlig normale Schicht werden würde und sie keinen Grund hätte, nervös zu sein. Noah würde viele Dinge erledigen müssen und eher am PC sitzen, als sich im Barbereich aufzuhalten oder in der Küche herumzuspazieren. Im Nachhinein war es für ihr Herz erleichternd gewesen, seit dem Sonntag nichts mehr von ihm gehört zu haben. Den heutigen Abend würde sie durchhalten, und auch den Freitag und den Samstag, und jeden weiteren beschissenen Tag.
Als der Bus hielt, angelte Emilia aus der Tasche ihr Porte¬mon¬naie und zeigte beim Einsteigen dem Fahrer den Studentenausweis.
Während der Fahrt ärgerte es sie, dass sie ununterbrochen an Noah dachte, und dass im hintersten Eckchen ihres Hirns noch immer der Wunsch präsent war, er würde sich für sein Verhalten entschuldigen. Wieso konnte sie ihn nicht aus ihrem Kopf verbannen? Die Gedanken an ihn hatten mittlerweile aggressive Formen angenommen, denn sie kaute wie wild auf dem Kaugummi herum, und nun krampfte ihr Oberkiefer.
In der Innenstadt angekommen, sprang sie aus dem Bus und spukte das verfluchte Ding in einen Mülleimer. Der Kaugummi hatte bereits wie Knete geschmeckt.
Am Club stand eine Schlange von mindestens zweihundert Leuten an. Wer war so bescheuert und wartete freiwillig Stunden, um in diesen Laden zu kommen? Obwohl sie ehrlich sein musste, Lilly und sie hatten sich im letzten Sommer eine Stunde die Beine im Bauch gestanden, um in diesem Club eingelassen zu werden. Wenn Aron damals kein Auge auf Lilly geworfen hätte, hätten sie noch länger ausharren müssen. Wobei Emilia mächtig beeindruckt war, als sie sich innen das erste Mal umgeschaut hatte. Der Club besaß Stil.
Emilia spürte die scheelen Blicke, die sie verfolgten, als sie sich an den Anfang der Schlange vorbeidrängelte, um Nico und Aron zu passiere, die mit ihren imposanten Brustkörben unter schwarzen Bikerjacken die Menge abhielten, den Laden zu stürmen. Wenn die Leute wüssten, warum sie das Privileg hatte, hier ohne Anstehen hereinzukommen, würden die Gesichter nicht mehr neidisch, sondern mitleidig gucken. Während die Gäste sich amüsierten, schuftete sie an der verhassten Spülmaschine.
»Wie geht’s dir, Emmi, alles okay?«, fragte Aron mit einem warmen Lächeln und hielt ihr die Tür auf. »Danke, gut!«, erwiderte Emilia. Sie schmunzelte, als sie Aron kurz betrachtete. Er wirkte mit dem kahlrasierten Schädel und dem kantigen Gesicht wie ein kalter Gangster, war aber das Gegenteil. Für Lilly würde er alles tun. Er behandelte sie wie einen wertvollen Schatz. Und Emilia wunderte es nicht. Ihre Freundin war hübsch und witzig. Mit ihren blonden Locken und den blaugrünen Augen konnte sie jeden Mann um den kleinen Finger wickeln, und Aron hatte sich damals nach wenigen Sekunden in ihrem Netz verfangen. Als Emilia von Lilly erfuhr, dass er Sozialwissenschaften studierte und mit seinen 24 Jahren kurz vorm Abschluss des Studiums stand, hatte sie das überrascht.
Aron beugte sich noch kurz zu ihrem Ohr. »Noah ist noch nicht da, er kommt heute spät.«
»Danke für die Info.« Die ersten Stunden würde sie ihm nicht begegnen, und wenn sie Glück hatte, war ihre Schicht beendet, bevor er eintraf.
Emilia drängelte sich an den Clubbesuchern vorbei, die überall wimmelten und selbst in den Gängen ihre Körper im Rhythmus der Musik bewegten. Manche hielten dabei ihre Drinks über die Köpfe, und Emilia hoffte, keine klebrige Dusche abzubekommen. Dass in der Enge zwei Körper zusammenstoßen würden, war eine Frage der Zeit.
Der Club war weitläufig. Es gab einen riesigen Tanzraum, zwei Bars und einen kneipenähnlichen Bereich, wo man in Ruhe essen und sich unterhalten konnte.
Emilia trat in die Küche. Sie könnte sich eine Schürze über ihre Kleidung binden, die an einem Haken neben dem riesigen Geschirrschrank hing, aber das tat sie nicht.
Es reichte ihr, dass sie diese Puttelchen-Tätigkeit machte, dann musste sie nicht noch so aussehen. Bevor sie mit der Arbeit begann, begrüßte sie ihre Kollegen. »Schön, dass du wieder fit bist«, sagte Jonas, und Emilia quittierte die netten Worte mit einem Lächeln. Brandes hatte für sie nur ein mürrisches Kopfnicken übrig, dass Emilia ignorierte. Sie konnte den Arsch einfach nicht ausstehen – beruhte ja auf Gegenseitigkeit.
Während Emilia schweigend die schmutzigen Teller im Innenraum der Spülmaschine sortierte, hantierte Brandes am Herd. Er briet Steaks in der Pfanne, schnell verbreitete sich in der Küche ein würziger Duft nach frischen Kräutern, aber Emilia empfand den Geruch heute widerlich. Kurz erschien Marc in der Küche, fragte höflich, ob Emilia wieder gesund sei, bequatschte schließlich mit Brandes irgendetwas zu einer fehlenden Bestellung bei einer Lieferung. Es schien aber nicht dramatisch zu sein, so ruhig wie die Männer miteinander sprachen.
Emilia verrichtete mit stur geradeaus gerichteten Blick ihre Arbeit, doch innerlich juckte es sie, zu Marc zu schauen. Ob er wusste, was zwischen ihr und Noah vorgefallen war?
Sie drehte den Kopf und äugte zum Geschäftsführer. Scheiße, sie hätte es lassen sollen. Marc starrte sie mit einem eisigen Blick an, der gefühlt die Temperatur in der Küche bis zum Gefrierpunkt sinken ließ. Er wusste Bescheid.
Wenn Emilia einen Wunsch frei hätte, würde sie sich wünschen, dass der Boden sich auftäte und sie verschluckte. Der Blick hatte ihr einen Stich ins Herz versetzt. War ja logisch, dass Noah ihm alles erzählen würde. O Gott, sie schämte sich so.
Mühsam rang sie um Fassung, schluckte den Kloß herunter, der in ihrem Hals steckte und widmete sich dem Besteck, das heiß und nass im Korb stand. Noah konnte seinem Geschäftspartner und Freund erzählen, was er wollte. Dagegen konnte sie nichts tun. Sie hatte ja ebenso ihren Freunden gebeichtet, wie das Date in die Hose gegangen war. Ob Marc das vom Klo wusste? Hoffentlich war da Noah wenigstens ein Gentleman und schwieg.

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Krankenhausszene 1 - Noahs Sicht

Als Noah seine Augen blinzelnd öffnete, hörte er, wie sich Schritte entfernten, boshaftes Lachen immer leiser wurde. Er hatte das Gefühl, gelähmt zu sein, aber das war ihm gleich. Er hatte geträumt, Emilia säße bei ihm und kümmerte sich um seine Wunden. Ihre Hände waren zart, taten seiner Haut gut, dann verlor er erneut das Bewusstsein.
Das nächste Erwachen war nicht sehr angenehm.
Marcs Stimme drang an Noahs Ohr, seine Arme hielten Noahs Brustkorb umschlungen. »Hey, Kumpel, komm zu dir, ich muss dich ins Krankenhaus bringen.« Ächzend hievte er Noahs Körper in eine sitzende Position.
»Verschwinde«, stöhnte Noah. Ihm war speiübel, und er unterdrückte das Gefühl, gleich auf den Boden kotzen zu müssen. Eindeutig ein Zeichen, dass etwas angeknackst oder gebrochen war, vermutlich die Rippen. Wenn er nur einen Finger bewegen könnte, würde er Marc von sich stoßen. Er sollte ihn hier liegen lassen und sich verdrücken.
»Verdammt, Noah, mach dich nicht so schwer. Du bist eins neunzig groß und wiegst mindestens achtzig Kilo, da musst du schon mithelfen, dass ich dich in mein Auto verfrachtet bekomme.«
Marcs Hände drücken sich in Noahs Brustkorb. »Mann, pass auf!« Noah bekam den Schmerz mit voller Wucht zu spüren. Er zog zischend die Luft ein und unterdrückte einen Schrei. Fuck, definitiv die Rippen hat’s erwischt. Noah wollte die Zähne zusammenbeißen, aber selbst das war eine Qual. Sein Kopf dröhnte, das Gesicht brannte wie nach dem Angriff eines Bienenschwarms. Es gab keine Stelle an seinem Körper, die nicht schmerzte.
Langsam schaffte es Noah mit Marcs Hilfe, auf die Füße zu kommen. Sein Freund hatte ihm unterstützend den Arm unter die Schulter geschoben, damit Noah aufrecht stehen blieb. »So, Noah, dann versuchen wir, irgendwie zum Auto zu kommen. Ich habe es direkt vor der Einfahrt geparkt. Du musst nur ein paar Schritte laufen.«
Marc war zum Glück selbst ein muskelbepackter, großer Kerl, sonst hätte er Noah nicht halten können. Er trug Noah mehr zum Auto, als dass er alleine ging. Im Schneckentempo stolperten sie über den Hof.
»Was ist mit Melanie. Ihr habt doch heute mit eurem Kram genug zu tun? Ruf mir ein Taxi und hau ab.«, presste Noah hervor.
Marc lächelte. »Ist okay, wir haben alles im Griff. Nachher kommt Emilia und holt dich aus dem Krankenhaus ab. Sie packt ein paar Sachen, um bei dir zu wohnen und sich um Linus zu kümmern, wenn Hannah fort ist. Montag helfe ich noch einmal aus und werde mit dem Jungen zum Schwimmen gehen.«
Noah schluckte schwer, als Emilias Name fiel. »Emilia … Sie macht was?« »Hast du ein Problem mit unserer Entscheidung, vielleicht in Anbetracht deines miserablen Zustands eine bessere Idee?«, fragte Marc, in seiner Stimme schwang Verärgerung mit.
»Ich habe sie abserviert, weil ich nicht wollte, dass sie etwas über mein Privatleben erfährt. Und da reißt du die Tür auf und lässt sie seelenruhig reinmarschieren?« Noah spürte eine innere Anspannung aufkommen, die den körperlichen Schmerz überlagerte. Er fühlte sich von Lee gedemütigt, ihm war übel und er sollte die nächsten Wochen mit dem Mädchen zusammenleben, dass er von sich gestoßen hatte. Sie würde Linus kennenlernen. Eine schlechte Mixtur, die man ihm unterschob.
»Mensch, Marc, wie soll das funktionieren? Was soll ich zu Linus sagen, wer Emilia ist und warum sie jetzt bei uns wohnt?« Mit genervtem Gesichtsausdruck wandte sich Noah seinem Freund zu. Doch bevor Marc antworten konnte, riss sich Noah von ihm los, taumelte mit der Hand vor dem Mund zur Hauswand. »Scheiße, Noah«, hörte er Marc rufen. Doch da hatte sich Noah bereits mit den Händen abgestützt und den Kopf gesenkt. In Schüben kotzte er seinen Mageninhalt aus.

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Krankenhausszene 2 - Noah im Krankenhaus

Marc war gegen sieben gegangen. Noah saß auf der Kante der Behandlungsliege, die Arme abgestützt, und konzentrierte sich auf die Atmung. Sein Freund hatte ihn in die Notaufnahme gebracht, wo ein Arzt von der Unfallchirurgie erst Fragen an Noah gestellt hatte, wie es zu den Verletzungen gekommen war, bevor er dann endlich begonnen hatte, ihn zu untersuchen. Noah hatte den Mann angelogen, eine Story von einem Sturz erzählt. Ob der Typ ihm die Geschichte abgenommen hatte … War eh egal.
Nachdem das nervige Abhorchen und Abtasten vorbei war, musste Noah zur Computertomografie, später bekam er starke Schmerzmittel gespritzt. Nun ging es ihm einigermaßen und er konnte etwas klarer denken. Was für eine fucking Nacht das war!
Noah hob die Beine auf die Liege, ließ sich langsam nach hinten gleiten, bis sein Rücken, der Kopf das Laken berührten. Er schloss die Augen, um etwas zu schlafen. Bald würde er abgeholt werden. Noah sehnte sich nach seinem Bett. Er brauchte Schlaf, dringend Schlaf, um das alles zu verarbeiten.
Shit.
Noah riss die Augen auf und starrte zur weißen Decke. Emilia holt mich ab. Verdammt. Marc hat Emilia in die verfickte Scheiße mit reingezogen, ohne mich zu fragen, ohne meine Erlaubnis! Als ob ich ein bekloppter Idiot bin, der nicht alleine entscheiden kann, was gut ist und was nicht. Aber das ist definitiv nicht okay!
Noah schaute auf die Uhr gegenüber an der Wand. Acht Uhr. Sie würde bald hier sein. Er hatte vergessen, was Marc versucht hatte, ihm einzutrichtern, als sie auf dem Weg zum Krankenhaus waren. Wie sollte er sich auch konzentrieren, sein Kopf war nach den Schlägen und Tritten nur noch Matsch. Aber nun war es ihm wieder eingefallen, konnte er sich an ihr Gespräch vollständig erinnern. Emilia würde also die nächste Zeit bei ihm wohnen und sich um Linus kümmern. Denn Melanie hatte wegen dem Praktikum keine Zeit, Hannah wollte verreisen und sein Freund würde deshalb den Club vor Ort alleine führen müssen.
Noah hatte geplant, während der Zeit von zu Hause aus zu arbeiten. Doch jetzt war alles anders. Die gesamte Verantwortung lastete auf Marcs Schultern.
Sein Freund hatte keine Wahl gehabt, er musste schnell Entscheidungen treffen, die für alle das Beste waren. Deshalb hatte er sich an Emilia gewandt. Es würde nur mit ihrer Hilfe funktionieren, davon ging er vermutlich aus. Trotzdem macht es mich wütend, dass ich nicht selbst über die Angelegenheit bestimmen konnte! Und vielleicht hätte ich eine bessere Lösung gefunden, als Emilia mit meinem Leben zu belasten. Wenn sie bei mir wohnt, wie soll ich sie auf Abstand halten … Wie soll ich mich auf Abstand halten? Ich muss die Distanz wahren, und das wird mir wahnsinnig schwerfallen, weil ich verrückt nach dem Mädchen bin.
Erschöpft schloss Noah wieder die Augen, und ungewollt erschienen Bilder in seinem Kopf. Er sah die Spitze der Klinge an Emilias Wange. Lydia hätte Emilias Gesicht skrupellos entstellt. Er hatte es an dem funkelnden Blick erkannt. Noah ballte die Fäuste an den Seiten, schlug sie wütend auf die Matratze. Im Nachhinein war die Sache mit Lee ein geplantes Ding gewesen. Er hatte mit Noah eine Rechnung offen und deshalb seinen Dealer geschickt. Der Mistkerl wusste, dass Noah hart durchgreifen würde, wenn er herausbekam, dass jemand Drogen in seinem Laden vertickte. Und Lydia sollte seinen Schwachpunkt finden. Fuck, wie konnte ich so bescheuert sein und mich auf dieses hinterhältige Biest einlassen? Ich wollte sie nicht mal ficken.
Noah setzte sich auf, schob die Beine von der Liege und stellte die Füße auf den Boden. Die Augen zu schließen, war keine gute Idee gewesen, denn dann sah er nur Emilia, und die Angst um sie, die er ausgestanden hatte, wurde wieder gegenwärtig. Wäre sie nicht gewesen, hätte er sich nicht derart demütigen lassen. Lee hatte seinen Stolz verletzt, sehr verletzt. Dieses Scheißgefühl werde ich nicht mehr los. Es nagt schmerzhaft an meinem Ego. Noah spürte, die Erinnerungen an das Geschehen zogen ihn runter. Aus dem Tief würde er nicht mehr so leicht rauskommen.
Es klopfte und die Tür ging auf.
Emilia.
»Hi, darf ich reinkommen?«, fragte sie leise.
»Äh … Ja, natürlich«, zwang sich Noah zu sagen. Sein Herz begann wild zu hämmern und seine Hände wurden feucht. Beschämt senkte er den Kopf. Ich sehe wie ein abgefuckter Zombie aus. Ihr erschrockenes Gesicht bestätigt es.

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Kleidszene - Noah's Sicht

Motorengeräusche erfüllten die Straße. Der Tag hatte kühl und klar gedämmert, kündigte den kommenden Herbst an. Gestern war Noah noch in Dänemark, nun saß er hier in Hamburg.
Die Nacht hatte er im Wagen in einer Parkbucht vor der Rechtsmedizin verbracht. Seine mittlerweile steifen Finger umklammerten noch immer das Lenkrad, und sein Blick war nach vorne auf die Straße gerichtet. Noahs Augen brannten, tränten von der bleiernen Müdigkeit, die ihm in den Knochen saß. Er wollte nach Hause, doch fühlte er sich nicht in der Lage, den Volvo zu starten und nach Berlin zu fahren. Er drehte den Kopf nach rechts und sah durch den Zaun zum trostlosen Betonklotz.
Wie konnte es so weit kommen? Waren sie damals nicht gemeinsam glücklich gewesen? Hatte Maries Sucht tatsächlich dazu geführt, dass sie nun nackt unter einem weißen Tuch auf dem kalten Stahltisch lag, umgeben von grünen Kacheln und grellem Licht? Fragen über Fragen, die in seinem Kopf hämmerten.
Noah war übel. Ein Brechreiz überkam ihn. Mühsam würgte er ihn mit der Faust vor dem Mund hinunter. Noch immer hatte er den grässlichen Geruch in der Nase. Tod roch nach Tod. Selbst Desinfektionsmittel hatten nicht den Gestank im Leichenraum nach Trauer und Verwesung überlagern können.
Langsam vergingen die Stunden, die er stumm im Auto saß.
»Dieses miese Schwein!« Noah riss sich aus seiner Lethargie, startete den Motor, warf einen kurzen, prüfenden Blick auf die Fahrbahn und raste mit quietschenden Reifen los.
Vor dem Tattoostudio Maori-Style parkte er den Wagen und schwang sich vom Sitz. Mit langen Schritten stürmte er in den Laden.
»Wo ist dein Boss?«, fragte er die dicke Blonde, die mit aufgerissenen Augen hinter der Theke stand.
Wer war das dümmliche Mädel? Stellte der Mistkerl jetzt Kinder ein?
»Äh … Bei einem Ku … Kunden, letzte Tür links«, stotterte sie.
»Verdammt, ich hatte Lee gesagt, sich von Marie fernzuhalten, sie mit dem Gift nicht mehr zu versorgen«, fluchte Noah, während er über den Gang lief. Auch wenn sie seit nunmehr vier Jahren nicht mehr seine Frau gewesen war, hatte er sich für sie weiterhin verantwortlich gefühlt.
Schnaufend riss er die Tür auf. Ein gleichmäßiges Summen erfüllte den Raum. Erschrocken hob Lee den Kopf. Mit hochgezogenen Brauen sah er zu Noah, schaltete die Tattoomaschine aus und legte sie auf den Arbeitstisch. Dann zog er den Mundschutz unter das Kinn.
»Was hast du hier zu suchen?«, bellte er mit zusammengekniffenen Augen und umrundete den Tätowierstuhl. Breitbeinig, mit verschränkten Armen vor der Brust, funkelte er Noah an.
»Tu nicht so scheinheilig! Du weißt genau, warum ich hier bin!«, brüllte Noah. Lee lächelte süffisant. »Keine Ahnung, was du von mir willst. Vielleicht ein neues Tattoo?«
Noah fühlte sich von dem grinsenden, bulligen Arschloch verhöhnt, wie er mit dem dämlichen Mundschutz vor ihm stand, als ob ihm die Gesundheit seiner Mitmenschen wichtig wäre.
»Nachdem du dafür gesorgt hast, dass Marie sich mit deinen beschissenen Drogen den goldenen Schuss gesetzt hat, fragst du mich, was ich will?« Noah schnaubte, ballte die Hände an den Seiten zu Fäusten.
»Was kümmert es dich, was Marie mit ihrem Leben machte? Sie war seit Jahren mit dir fertig, weil du sie wie Scheiße behandelt hast. Dich interessierten doch schon immer nur dein Club, deine Surferkumpel und andere Weiber. Spiel dich also hier nicht so auf!« Lee drehte Noah den Rücken zu, um sich seiner Arbeit wieder zu widmen. Sein Kunde, ein blasser Junge, der sich vermutlich mit einem Tattoo auf dem dünnen Oberärmchen cooler fühlen wollte, hing ängstlich blinzelnd im Stuhl, wie Noah aus dem Augenwinkel wahrnahm.
»Sag mal, hörst du mir nicht zu?« Noah packte Lee im Nacken und stieß ihn zum Arbeitstisch. Mit Wucht rammte er ihm den Kopf auf die Tischplatte, ließ ihn dann mit angewiderter Miene los. Klirrend fielen Spitzen und Griffstücke auf den Fliesenboden.
Lee brüllte auf. »Bist du irre? Du Arschloch hast mir die Nase gebrochen!« Das Blut tropfte dem Tätowierer vom Kinn, als er seine Hände schützend vor die Nase hielt und sich zu Noah umdrehte. Dieser starrte den Kerl zornig an. Noah hob den Arm, um ihm die Faust ins Gesicht zu schlagen. Doch plötzlich schoss ihm ein Gedanke ins Hirn, erfüllte ihn ein heftiger Schmerz, der ihm für einen Moment die Luft zum Atmen nahm. Er keuchte auf, packte im nächsten Augenblick Lees Lederweste und fixierte ihn mit schmalen Augen. »Wo ist Linus … Und wehe, du verarschst mich!« Wenn der Typ ihm nicht die Wahrheit verraten würde, würde ihn die eigene Mutter nicht mehr wiedererkennen, schwor sich Noah. Er kralle die Finger seiner rechten Hand in die grauen Haare dieses Schweins und riss ihm den Kopf mit einem Ruck nach hinten. Lee schrie auf und drückte seine Handflächen abwehrend gegen Noahs Brust. »Schon gut, Mann, ich rede. Aber danach verschwindest du … Für immer.«

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Szene nach Leserabstimmung

Auf Snipsl lief eine Abstimmung, welche Szene die Leser(innen) veröffentlicht bekommen möchten.

- Sie entschieden sich für eine heiße Szene -

Erinnert euch an das Geschehen vor der Krankenhausszene. Noah hatte ein furchtbares Erlebnis, das ihm ziemlich zu schaffen macht.

Nach Noahs heftigem Albtraum sind er und Emilia sich näher gekommen. In der Nacht hatten sie auf verschiedene Art intensiven Sex - aber noch nicht miteinander geschlafen.

Daraus nun eine Szene. Noah hatte Emilia gebeten, sich über ihn zu knien, weil seine Rippen noch angeknackst sind.

Szene aus Emilias Sicht

[…]

Als Noah mit seinen rauen Fingerspitzen über Emilias zarte Haut an den Innenschenkeln lang strich, riss sie die Augen auf und atmete schwer aus. Es war ein Gefühl, als ob er sie mit feinkörnigem Sandpapier streichelte. Aber ein kribbelndes, schönes Gefühl.
Emilia hielt sich an der Kopflehne fest, um sich nicht von der Stelle zu bewegen. Langsam glitten zwei Finger zu ihrer Mitte, bewegten sich vorsichtig in sie rein und raus. Mit einem Arm umklammerte er einen Schenkel, während er anfing, sie zu lecken. Emilias Beine zitterten und sie konnte das Stöhnen nicht unterdrücken, als er ihre Schamlippen mit der Zunge bearbeitete.
»Und … Wie … Ist … Das?«, raunte er zwischen festen Zungenschlägen. Sanft zog er mit den Zähnen an ihren Schamlippen. »Willst du jetzt schon meine Zunge?« »N-nein, mach weiter so«, keuchte sie und krallte ihre Finger noch fester in das Kopfteil. Noah hatte nicht zu viel versprochen. Was er mit seinem Mund tat, war das schönste Gefühl, dass sie je beim Sex gespürt hatte. Verdammt, ist das gut!
»Dein Wunsch ist mir Befehl«, flüsterte er und pustete gegen ihre heiße Scham. »Ah, nochmal!«, keuchte Emilia. Shit, das ist der Hammer. Noah lachte leise, knabberte weiter und pustete. »Ein Hauch einer Berührung und du verlierst die Kontrolle über deinen Körper!«, neckte er sie.
Während er ihre Klitoris zu stimulieren begann, mit den Fingern noch tiefer hineinstieß, winselte sie. Es war ein angenehmer, berauschender Schmerz. Noah saugte und leckte an ihrer empfindlichen Stelle, rieb sie mit seinen Fingern und flüsterte ihr zu, wie sehr er es liebte, das mit ihr zu machen.
Emilia wand sich unter seinem Mund. Sie warf den Kopf in den Nacken, kniff die Augen zusammen und begann hemmungslose Laute von sich zu geben. Das waren zu viele Reize, die ihr Hirn überforderten. »Noah, das … Das ist … Oh … Oh … Fuck« Emilia ruckte hoch. Doch er hielt sie fest umschlungen, zwang sie, diese süße Qual weiter auszuhalten. »Noah, ich kann nicht mehr! Lass mich kommen!«, keuchte Emilia und zerrte mit einer Hand an seinen Haaren.
Noah drückte kleine Küsse auf ihre Knospe, ließ dann von ihr ab und schaute hoch. »Sicher?«
Mit großen Augen starrte sie zu ihm hinunter und schnappte nach Luft, als sie sein Gesicht sah. Was für ein sexy Anblick unter mir.
Noahs sinnlichen Lippen waren geschwollen, glänzten von ihrer Nässe, und seine Augen funkelten vor Begierde.
»Ja, bitte, lass mich kommen.«
Noah biss sich auf die Unterlippe und lächelte. »Dann genieße deinen Orgasmus.« Er zog ihre Beine weit auseinander, jagte mit schnellen Schlägen seine Zunge über ihre empfindliche Stelle. Emilias Gefühle überschlugen sich. Ihr gesamter Körper war im Rausch. Wie besessen stöhnte sie Noahs Namen, als er seine Zunge in sie stieß, dabei weiter mit dem Daumen über ihre pochende Klit rieb. Ein letztes Mal schrie sie auf, bevor sie mit der Stirn auf das Kopfteil sank. Noch nie hatte sie sich nach dem Sex so erschöpft gefühlt wie jetzt. Das war ein irrer Orgasmus! Noch einen Moment liebkoste Noah mit den Fingerspitzen Emilias überreizte Scham, damit sie langsam von dem euphorischen Zustand herunterkam.
Als Emilias Atem sich beruhigt hatte, half er ihr, sich wieder auf seine Beine zu setzen.
»Es wäre schön, wenn wir uns noch ein bisschen streicheln würden. Ich brauche das jetzt.« Fragend sah Noah sie an.
Emilia nickte still, strich zärtlich mit beiden Händen über Noahs tätowierte Brust, während er seine Finger über ihre Hüften kreisen ließ.
»Noah.«
»Ja?«
»Das war unglaublich schön … Das mit uns heute Nacht.« Sie lächelte unsicher und hoffte, es würde noch viele solche Nächte geben.
»Das stimmt. Aber ich muss dir ein Geständnis machen.«
Er will es nicht wiederholen. O Gott, hätte ich das doch eben bloß nicht gesagt! »Du bereust das mit uns?«, stieß sie erschrocken hervor.
Noah zuckte zusammen. »Nein, um Himmels willen, nein!«
Er holte tief Luft. »Ich wollte etwas zu unserer Nacht sagen.« Er legte seine Hand in ihren Nacken und zog sie zu sich hinunter. Sein Blick wanderte von Emilias Augen zu ihrem Mund. Er leckte sich über die Unterlippe, dann gab er ihr einen Kuss.
Nachdem er seinen Mund von ihrem gelöst hatte, strichen seine Lippen zu ihrem Ohr und er flüsterte: »Es gab vor dir nur eine Frau, die ich mit meinen Fingern und dem Mund gefickt habe. Das war Marie, meine Exfrau, Linus Mutter. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das noch einmal bei einer anderen Frau tun würde.«
Für einen Augenblick konnte Emilia sich nicht bewegen. Das zu hören, hatte sie nicht erwartet. Sie behielt Noah im Blick, als sie sich aufrichtete. »Aber du warst mit so vielen Frauen zusammen.«
»Der Unterschied ist, dass du mir etwas bedeutest. Die anderen Frauen wollte ich nur als schnellen Fick. Das, was wir machen, ist mit einer Menge Gefühl verbunden. Dein Spaß mit mir im Bett, dir diese unglaubliche Lust zu verschaffen, ist mir wichtiger als meine eigene Befriedigung.«
»Mir geht es genauso, Noah. Ich empfinde etwas für dich und will dich glücklich machen.« Denn du hast keine Ahnung, wie sehr ich dich liebe, ergänzte sie still. Die drei besonderen Worte zu sagen, verkniff sie sich, weil er sie nicht ausgesprochen hatte. Ich bedeute ihm etwas, aber er liebt mich nicht, sonst würde er das sagen. Die Erkenntnis schmerzte sie mehr, als sie gedacht hätte. Emilia schüttelte sich und eine leichte Gänsehaut breitete sich auf ihren Oberschenkeln aus, woraufhin Noah sie verwundert ansah. »Frierst du? Dann komm schnell von mir runter.«
Emilia nickte mit einem traurigen Lächeln. »Ich verstehe. Am besten, ich verschwinde gleich in mein Zimmer.«
»Das ist nicht dein Ernst?« Ihre Ansage verwirrte ihn. »Wie meinst du das?«
»Ich dachte … Na ja … Du schläfst ab jetzt bei mir.« Noahs Stimme klang schüchtern. Solche Schüchternheit hätte sie bei diesem selbstbewussten Mann nie erwartet. Sanft berührte er ihre Wange. »Bitte bleib!«
Emilia fuhr ihm zärtlich durch das zerzauste, lange Haar und gab ihm einen Kuss. Eilig kletterte sie aus dem Bett, zog sich T-Shirt und Höschen an und lief zur Tür. Sie zwinkerte ihm über die Schulter zu. »Nicht einschlafen, bin gleich zurück. Ich hole nur mein Bettzeug.«
»Warte!« Emilia hielt überrascht die Klinke in der Hand. Sie machte große Augen, als Noah aus dem Bett stieg. »Ich ziehe mir eine Jogginghose an und komme mit«, entschied er.
»Wieso?«
»Wenn du in mein Schlafzimmer einziehst, dann können wir gleich deine Sachen in die Taschen packen und alles bei mir unterbringen. Der riesige Schrank reicht für uns beide.«

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Impressum - Leseproben

Erste Auflage 2018
Copyright © 2018 by Jenna Stean
Alle Rechte dieser Ausgabe vorbehalten

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung und Vervielfältigung dieses Buches – auch nur Auszüge – sowie die Übersetzung dieses Romans ist nur mit ausdrücklicher, schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Dies gilt insbesondere für jede mechanische, fotografische, elektronische und sonstige Vervielfältigung, Verbreitung – auch Auszüge – durch Film, Funk, Fernsehen, elektronischen Medien und sonstige Form von öffentlicher Zugänglichmachung.
Die Personen und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten zu jedweden Personen sind rein zufällig.

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